Skip to main content

Full text of "elsaessische_kirchengeschichte_1931_1943_excerpts"

See other formats


ARCHIV FÜR ELSÄSSISCHE 
KIRCHENGESCHICHTE 


BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON 
JOSEPH BRAUNER 



SEC1 [ZEHNTER JAHRGANG 


19 4 3 


SUTTER & C IE - RIXHEIM (Eisass) 





Inhalts-Ucbersicht 


VII 


Inhalts-Uebersicht 


Translationen römischer Reliquien ins Eisass im neunten Jahrhundert. 

Von Wilhelm Hot zeit . 1-18 

Die Translation der hhl. Sergius und Bacchus nach Weisscnburg durch Erz¬ 
bischof Otgar von Mainz 2-9 

Die Reliquienschenkungen Papst Leos IV an Kaiserin Irmgard für Kloster 


Erstein 9-15 

Erzbischof Rabanus Mau ms von Mainz und der Leib des hl. Thcodnlus in 
Klingenmünster 15-18 

Der romanische Bildpfeiler auf dem Odilitnberg. Eine Deutung von 

Robert Will . 19-28 

Rätselhafte Prälaten des Ilochmittclalters im Slrassl»arger Domkapitel 

1197-1259. Von Joseph M. B. Glauss . 29-U 


CuDradus custos, der Besteller des Speierer Evangeliars. 1107-1259: 29-88 
Bertholdus prepositus Aquileiensis 1209-1259: 38-42 
Conrndus archidiaconus Aquileiensis 1228-1237: 42-13 
Anhang. Domdekan Konrad von Speier, Bischof von Hildcsheim, gestorben 
1248 : 43-44 

Die selige Luitgard von Wittichen (1292-1319) und der Einsiedler von 

Rappoltsweiler. Von Medard Barth . 45-54 

Luitgards und ihres Klosters Wittichen Beziehungen zu Strassburg und 
zum Elssas 45-48. 51-54 

Ein unediertes Sendschreiben des Einsiedlers von llappoltsweilcr an die 
selige Luitgard 48-31 

Das ABC des Geistes von Bruder Thomas. Ein Strassburger Traktat 
über den Hausrat von Klosterfrauen. Eingeleitet und herausgegeben 


von Florenz Landmann . 55*60 

Krankenpfleger- und Gesinde-Ordnungen des Grossen Spitals zu Strass¬ 
burg aus dem 15. Jahrhundert. Von Jakob Gabler . <17-100 

Die Ordnungen der Schwestern und des Siechenknechtes 68-75 
Die Dienstanweisung für den Totengräber 75-83 
Ordnungen der untergeordneten Angestellten 83-99 

Das Gutachten der Pfleger über die Zustände im Grossen Spital vorn Jahre 
1504: 99-104 


Die St. Sebastianus-Bruderschaft an St. Martin in Slrassburg. Ihr Ver¬ 
hältnis zu Sebastian Brant. Von Florenz Landmann .... 107-128 

Sebastian Brant und die Patrone der Bruderschaft 108-115 
Zweck und Charakter der Bruderschaft 115-119 
Aktenstücke 119-128. Zwei Textabbildungen 

Lothringische Kriegsfahnen im Strassburger Bischöfekrieg 1592. Von 

Paul Martin . 129-184 

Mit zwei Textabbildungen 



Religiös-sittliche Verfassung und Reformbestrebungen im Weltklerus des 
Eisass am Vorabend des Dreissigjährigcn Krieges. Von Joseph 
Schmidlin . . 

I. Erneuerung von Domstift und Kurie im Bistum Strassburg 135-150 

]. Verlegung des Domkapitels und des Hohen Chors nach Molsheim 
130-144 

2. Einrichtung eines Consilium ecclesiastic im in Mölsheim 144-148 

3. Verbesserung des Konsistoriums 148-149 

4. Die baslerische Kurie in Altkircb 149-150 

II. Errichtung von Diözesan-Seminarien 150-101 

1. Das Basier Seminar in Pruntrutt 151-155 

2. Das Seminarium Carolinum in Molsheim 155-159 

3. Das Seminarium Leopoldianum und die Akademie in Mölsheim 159-161 

III. Sittliche Zerrüttung im Klerus und ihre Bekämpfung 101-176 

1. Die Loge in der Diözese Basel (Ober-Elsass) 103-170 

2. Zustände in der Diözese Strassburg (Unter-Elsass) 170-170 

IV. Bischöfliche Visitationen 170-188 

1* Visitationen in der Diözese Basel (Ober-Elsass) 177-185 
2. Visitationen in der Diözese Strassburg (Unter-Elsass) 185-188 

V. Reformversuche in den Kollegiatstiften 189-203 

1. Die unterelsässischen Stifte 189 198 

2. Die oberelsässischen Stifte 198-203 

Das Inventar der Pfarrkirche St. Georg von Schlettstadt aus dem Jahre 
1019. Von Joseph Walter . 

Aus dem Briefwechsel des Abtes Placidus Räuber von Schwarzach (1649- 
1600) mit der Bursfelder Kongregation. Von P. Paulus Volk 

Visitationsberichte des Bistums Strassburg vom Jahre 1G66. Von 

Medard Barth .. 

Zur Einführung 223-227. Die elsässischcn Landkapitel Molsheim, Schlett¬ 
stadt, Rheinau, Markolsheim, Unter-Hagenau, Ober-Hagenau, Benfeld, Bru¬ 
derberg, Bettbur-Zabern 227-256. Verzeichnisse der Pfarreien und der Heiligen- 
Patronate 256-258 

Wetterschutz und Wettersegen im Eisass. Von Alfred Pfleger 
Blitzabwehr am Strassburger Münster und an der St. Georgs-Kirche in 
Hagenau. Kirchliche Benediktionen und deutsche Wettersegen. Wetterläuten 
und Wetterglockcn, Volkstümliche Schutzmittel und weitere Sakramentalien. 
Zwei Textabbildungen 

Zur Geschichte des Kapuzinerklosters Oberchnhcim. Von P. Arclia n- 

gelus Sieffert . 

Berufung der Kapuziner (1620) 273-275. Der erste Klosterbau 275-27» 
Schicksale während des Schwedenkrieges 279-281 

Zweite Berufung und Neubau von Kirche und Kloster (1349) 281-285 
Das I-eben im Kloster 285-200 

Kapuziner, die aus dem Klosterbezirk stammen 290-195. Die Auflösung 
des Klosters in der Revolution (1791) 295-300. Zwei Textabbildungen 

Herkunft Franz Anton Brendels und sein Lebenslauf bis zur konstitu¬ 
tionellen Bischofswahl 1791. Von Karl Schillinge] 1 ...-- 
Herkunft und Familie 803-310. Jugend- und Studienjahre 1735-1761: 31 1-313 
Kgl. Pfarrer in Sulz unterm Wald 1761-1765: 314-318 

Münster- und Kontroversprediger in Strassburg 1765-1769: 318-320. Professor 
des Kirchenrechts in Strassburg 1769-1791: 320-324. Zur Charakteristik des 
Professors 324-328 

Naturalisation in Frankreich und Anwartschaft auf ein Kanonikat 328-331 
Anhang- Die elsiissischen Nachkommen der Familie Brendel 332-342 


135-20* 


205-213 

215-222 

223-258 

259-272 

278-800 

301-3*2 














VIII 


Inlialts-Ucbersicht 


Elsiissische Korrespondenten des Fürstabtes Martin (icrbert von St.Blasien 

1784-1791. Von Arthur Allgeier ... 8-13-350 

Zur Kirchengeschichtc der Jahre 1790 bis 1810. Von Georg Fritz 351-888 
Der Entchristliehungssturm im Spätjahr 1703 und der Brief dos konstitu¬ 
tionellen Bischofs Gobel vom 13. Frirnaire II (2. Dezember 1703) 351-367 
Das Breve Pastöralis soliieitudo vom 5. Juli 1706 und der Brief des Bischofs 
des Departement des Vosges Maudru vom 20. Germinal VI (0. April 1798) 

308-372 

Der kirchliche Frieden nach Abschluss des Konkordates und die Briefe 
des Strassburger Bischofs Saurinc vom 10. Mai 1803 und 22. Februar 1804 : 

373-384 

Die Regelung des Kirchenfabrik wesens durch Dekret vom 30. Dezcml>er 
1800 und das Zirkular des Strassburger Ordinariates vöm 80. August 181o: 

384-887 

Zwei Bauwerke der Romanik im Eisass. Von Karl Czarnowsky 3H9-390 
Die St. Nikotauskupeitc von Niederottrott 380-393. Der Turm der Pfarr¬ 
kirche von Mommenheim 303-303. Fünf Textabbildungen 

Rcliquienaltäre im Eisass. Ein Beitrag zur Geschichte des christlichen 

Altars im Mittelalter. Von R o b e r t Will . 397-418 

St. Richardis in Andlau 300-401. St. Adi’ljjhus in Nciiweiler 402-403. 

St. Sophia in Eschau 403-403. St. Urbanus von Erstein 407-408. Der Ueliquicn- 
altar von Niedermünster 408-410. Das St. Odiliengmb auf dem Odilicnherg 
410-413. St. Arbogast in Strossburg-St.Michael 413-414. Sl. Adelheid in Selz 
413-413. Das .Heilige Grab» um Strassburger Münster 410-417. Sieben 
Textabbildungen 

Reformversuche im Dominikanerinnenkloster St. Katlmrina zu Strass¬ 
burg 1192-1493. Von Karl Wittmer .. 419-425 


Kleine Beiträge 

Zur Gründung der Pfarrei Durbach. Von Hermann G i n t c r ■ .. 214 

Zur Strassbnrger Herkunft der Legend» aurea von 13(12, Cgm (1 in 
München. Von Joseph Brauner . . 

<- 


Gesamt-Register des Archiv für Elsüssischc Kirchengcsehichtc, Jg. 1-lU. 

Von Andreas Marzcll Burg . 427-440 

Chronologische Uebersicht 427-438. Namen- und Sachregister 438-440 



Translationen römischer Reliquien ins Eisass 
im neunten Jahrhundert 

Von Wilhelm Hotzelt 

Die Reliquienerwerbungen der Klöster Weissenburg, Erstein 
und Klingenmünster gehören nicht mehr in die klassische Zeit der 
Reliquienübertragungen aus Rom ins Frankenreich, da man ganze 
Leiber der Märtyrer aus den Katakomben holen konnte. Einmal 
waren die Begräbnisstätten Roms schon ganz ihres bekannten 
Bestandes beraubt, eine erhebliche Anzahl Leiber ist dabei nach 
Norden gegangen. Silvester, Quirinus, Arsatius, Tertullinus, Can¬ 
didus 1 , Vitus, Alexander, Hippolytus, Gorgonius, Sophia 2 sind 
die bekannteren Heiligen, die im achten Jahrhundert den Weg 
aus den Katakomben ins Frankenreich antraten. Im neunten 
Jahrhundert folgten Sebastian, Gregor, Marzellinus und Petrus 3 , 
Alexander und .Tustinus*, Felizissimus und Agapitus 5 . Nur ganz 
Auserwählte, die über die nötigen Beziehungen in Rom verfügten, 
konnten hoffen, den ganzen Leib eines Märtyrers zu erhalten. 

Wie dabei nicht selten auch zweifelhafte Mittel angewendet 
werden mussten, um zum Ziel zu gelangen, zeigen nicht nur die 

1 Wilhelm Hotzelt, Translationen von Martyrerreliquien aus Rom nach. Bayern im achten 
Jahrhundert, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner 
Z-veige hrsg. von der Bayerischen Benediktinerakademie, München 53(1935) S.288 (Silvester 
in Nonantula), 289-311 (Quirinus von Tegernsee und Arsatius von Ilmmünster), 816-320 
(Tertullinus von Schlehdorf) und 336-343 (Candidus von Innichen). 

* Wilhelm Hotzelt, Translationen von Martyrerleibem aus Rom ins westliche Franken- 
reich im achten Jahrhundert (Die Translation der hh. Vitus, Alexander und Hippolytus durch 
Abt Fulrad von St. Denis, der hh. Gorgonius, Nazarius und Nabor durch Bischof Chrodegang 
von Metz, der hl. Sophia durch Bischof Remigius von Strassburg), in: ArchfElsKg 13(1938) 1-52. 

» Die Translationen sind seit Jahren ausgearbeitet, haben aber bis jetzt keine Veröffent- 
lichungsniöglichkcit gefunden. Ueber die Translationen von Marzellinus und Petrus handelt 
kurz die aus Anlass der Auffindung und Konservierung der von Einhard gebauten Gruft 
in Seligenstadt erschienene Schrift von A. Schuchert, Die Gruftanlage der Märtyrer Marzellinus 
und Petrus zu Rom und zu Seligenstadt am Main, Mainz 1938, 1-5. 

4 Der im ArchfElsKg 13(1938) 13 Anm. 6 angekündigte Aufsatz von Wilhelm Hotzelt, 
Cornelius und Cyprian. Alexander und Justimis in Freising, in: Studien und Mitteilungen 
zur Geschichte des Benediktinerordens 56(1938), erscheint erst nach dem Kriege. 

6 Wilhelm llotzelt, Felizissimus und Agapitus, in: Zeitschrift für bayerische Kirchenge¬ 
schichtc 10(1935) 84-00. 


ABK 16 


1 










41 


Joseph M. B. Claim 


Ueber seine Herkunft wissen wir nichts Sicheres. Zwar nennt ihn der Verfass« 
der Origines Guelficje (HI, 227) einen Edlen von Reifenberg in der W< tterau in 
Hessen, aber ohne Beleg und n&here Begründung, und so bleibt die Zugehörigkeit 
zweifelhaft. Zur Vollendung seiner theologischen Studien ging er nach Paris, wurde 
hier Magister und Professor 1 , dann Domdekan in Speicr (urkundlich zuerst 1210 er¬ 
wähnt) und Scholastikus in Mainz. Anfangs Mai 1210 erscheint er als Capcllanus 
papse et poenitentiarius (päpstlicher Hausprälat und Beichtvater) in Rom und 
wurde so an derKurieob seines Wissens und seiner Beredsamkeit bekannt.Schon ULS 
und 1219 hatte ihn der Papst als Kreuzzugsprediger und zu verschiedenen Rechts¬ 
geschäften verwandt. Godfried von Köln rühmt von ihm: Inter predieatores singu¬ 
lärem locum habebat. Drei Schreiben richtete Papst Honorius III an ilm*. I 

Als er in Hildesheira die Abdankung des greisen Bischofs Siegfried sur all¬ 
gemeinen Zufriedenheit regelte, wählte ihn das Domkapitel Anfangs Juli 1221 zu 
dessen Nachfolger 1 , was Papst Honorius IH am 8. September bestätigte. Am 18. 
September 1221 weihte ihn der Mainzer Metropolit zu Erfurt. Auchals Bischof übte er 
eine segensreiche, umspannende Tätigkeit aus. Noch 1221 musste er als Kreuzzugs¬ 
prediger auftreten, 1282 gegen die Stedi.iger, 1241 gegen die Tartaren. Papst Gre¬ 
gor IX beauftragte ihn mit der Beendigung des Prozesses zur Heiligsprechung der 
heiligen Elisabeth von Thüringen, die am Pfingstfest 1285 vollzogen wurde. Eine 
besondere Freude mag es für Bischof Konrad gewesen sein, das Jahr darauf zu Mar¬ 
burg mit den Erzbischöfen von Bremen, Köln, Mainz und Trier in Anwesenheit 
Kaiser Friedrichs H an der Erhebung der Gebeine der Heiligen teilzunchmen. 

Von Arbeit und Alter gebeugt, resignierte Bischof Konrad mit Bewilligung des 
Papstes* zwischen dem 28. und 81.0ktober 1246 und zog sich zuletzt in das (Jistcr- 
zienserkloster Schönau bei Heidelberg zurück, das er von seinem Aufenthalt in 
Speierkannte und dem er 1218 und 1220 schon Weinberge vergabt hatte. Hier starb 
er am 14. Juni 1248* hochangesehen eines heiligmässigen Todes*. Er erhielt seine 
Grabstätte im Chor nahe beim Hochaltar. Und glücklicherweise fand manlöBl beim 
Bau eines Hauses im Keller seine Gebeine mit der einfachen, im 15. Jahrhundert 
erneuerten Grabplatte, darauf Bischofsstab mit der Umschrift v aufgeliist): 124s 
19. kal. junii obiit dominus Conradus quonlam dccanu> Spirc.isis ecclesiie, posten 
scolasticus Moguntinus, fanden Episcopus Hildeshcmc.isis, doc-or predicator 
vir totus T clcmens ac pius 1 , 

1 Chronicon episeoponim Hildeshrmtnaium, Contlmmio 1079-1472. MG. SS. VII 860. 
Nichts bringen auHallenderwdae P.F4ret, La FaculM de thCologie et sei docteura lei nitre 
cdtbres de 1 Univeiait* de Paris. Moyen-äge 1894, 4 Bde. und P.GIorieux.Rfpertolre des mattrea 
de thöologie de Paria au 18«siiele, Paris 1988. * Hulllard llrthollesI- 2 , 788; 11-1, 82 . 

1 Vgb Bienemann, Conrad von Scharfenberg #8-99. * MG. Epiat. Pontif II 182 

■ Adolf Bertram, Geschichte des Bistums Hildrsheim, 1. Bd. Hildeshelm 189»’ 248* gibt 
das Datum: 18. Dezember 1249. Kloster Schönau bezeichnet er nicht näher, obwoh“ «a 
in Deutschland mehrere Klöster des Namens gibt; siehe Lexikon für Theologie und Kirche 
IX, 808 f. Der Bischof darf nicht mit seinem gleichnamigen Vorgänger, Konrad I 1104-1198 
verwechselt werden; vgl. oben S. 86. Sr] 

• MG. SS. VII, 840 f. Lexikon für Theologie und Kirche VI, 14S (kurz aber gut). Zeit, 
schrift de* historischen Vereins für Niedersachsen 188», 4 ff (nur die AmUzeit betr.l H. llooge- 
weg, Bischof Konrad H von Hildeaheim als Reichsfürst, Hannover 1809. Bertram I, 220-245 
Bienemann, Conrad von Scharfenberg 98 f. 128 n. 4. 

■ ’ PfarrfUhrer durch die (katholische) Pfarrgemeinde Schönau 1940, S. 30u-40n mit Abbil¬ 
dung des Grabsteins. Der Textseh hiss wird Irrig ab «predlcator Iuris totiuas gelesen waa 
natürlich keinen Sinn gibt. ’ M 

• Nachträglich sehe ich, dass Budinszky, ihn schon 1876 richtig erkannte, allerdings 

ungenügend und kurz in nur sechs Zellen. Alex. Budinszky. Die Universität Paris und die 
Fremden an derselben im Mittelalter, Berlin 18T«, 128. Betr. des Todestages siehe auch 
MG. SS. VII, 861 und XIII V 748. ^ 



• W\'J 


Die selige Luitgard von Wittichen (1292-1349) 
und der Einsiedler von Rappoltsweiler 

Von Medard Barth 

Als erfreuliches Zeichen muss es betrachtet werden, dass 
sich die neueste Forschung 1 wiederum mit der seligen Luitgard von 
Wittichen befasst, einer Schwarzwälderin, deren Leben und Wir¬ 
ken in ganz ausserordentlichen Bahnen verlief 2 . Die Bedeutung, 
die ihr im Bereich der Mystik zukommt, trat ins helle Licht 
erst dann, als der badische Historiker Mone im Jahre 1863 die 
älteste Lebensbeschreibung Luitgards herausgab und die darin 
vorkommenden Angaben und Tatsachen in einer Gesamtschau 
der das ganze Oberrheingebiet berührenden mystischen Bewegung 
würdigte 3 . Sechzehn Jahre später führte der von Strassburg gebür¬ 
tige protestantische Professor Jundt die Ekstatiker in Luitgard 
mit Erfolg in die theologische Literatur Frankreichs ein 4 . Wenn 
ihr Name auch in der Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung des 


1 Zur Orientierung über Quellen und Literatur vgl. Albert Krieger, Topographisches 
Wörterbuch des Grossherzogtums Baden, 2. Bd.‘Heidelberg 1905,1486 f. Ludwig Heizmann, 
Das Frauenklösterlein Wittichen, Amt Wolfach im Kinzigtal. Zum sechshundertjährigen 
Gründungsjubiläum, Bühl (Baden) 1925. Mit zwei älteren Klosteransichten. Populäre, nicht 
immer zuverlässige Schrift. Neue Erkenntnisse vermittelt dagegen Jakob Ebner, Die unun¬ 
terbrochene Verehrung der seligen Luitgard von Wittichen, in: Oberrheinisches Pastoralblatt 
1942, 42-44 nebst Innenseite des bedruckten Heftumschlages, 48-51, 67-69. S. 42, Anm. 1 
teilt der Verfasser mit, dass*«zu seiner Arbeit die Nachlassakten des am 23. Juli 1931 ver¬ 
storbenen Pfarrers Bernhard Krieg teilweise benutzt» wurden. Diese liegen in Freiburg, Erz- 
bischöfliches Archiv. 

‘ Eine Trägerin dos gleichen Namens ist die hl. Luitgard von Tongern (1182-1246), die 
ein durch Ekstasen, häufige Visionen und Krankenheilungen ausgezeichnetes Leben führte. 
Lexikon für Theologie und Kirche, hrsg. von M. Buchberger, 6. Bd. Freiburg i. Br. 1934, 708. 

* F. J. Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, 3, Bd. Karlsruhe 1863, 
438-408: Leben der seligen Liut.gart, der Stifterin von Wittichen, von dem Pfarrer Bertholt 
von Bombach. Der Umstand, dass Pfarrer Berthold Zeitgenosse der Seligen und selber Mys¬ 
tiker war, erhöht den Wert der von ihm verfassten Biographie. Diese umfasst 85 Kapitel. 

4 Ch. Aug. Jundt, Les amis dq Dieu, ; Paris 1879, 35ff. Ihm verdankt wohl die Comtesse 
M. de Villermont die Anregung zu dem grösseren Artikel in den Etudes franciscaines IS 
(1905) 147-158. 297 ff. 417 ff. 515 ff. Bibliographische Angabe nach Ebner aaQ 67* 




46 Medard Harth 

deutschen Mittelalters begegnet 1 , so nimmt dies in Anbetracht 
ihres aszetisch-mystisch gerichteten Innenlebens in keiner Weise 
wunder. Wundern muss man sich jedoch, dass ungeachtet des der 
seligen Luitgard ununterbrochen erwiesenen Kultes 2 sich das Erz¬ 
bistum Freiburg nicht dazu entschlossen konnte, ihr einen Platz 
im Eigenoffizium der Diözese einzuräumen 3 und damit amtlich¬ 
autoritativ das anzuerkennen, was der zeitgenössische Biograph, 
Pfarrer Berthold, im vorletzten, dem Tode Luitgards gewidmeten 
Kapitel der Vita niedersclirieb: « aber ir gflter säliger nam vnd das 
hailig bild irs hailgen leben sol numer sterben in der zit vnd sol 
alzit göttlich frucht der weit bringen, die wil dise weit staut » 4 . 

1. Luitgard wurde geboren 1292 als Kind achtbarer Bauers¬ 
leute unter der Burg « Wiekestein» (Witchestein), eine Stunde 
hinter Schenkcnzell (Amt Wclfach, Diözese Konstanz), im Vor¬ 
tal, wo beim Zusammenfluss des Kaltenbrunnen mit der Rein¬ 
hardsau (von da an Kleine Kinzig) der Burgfelsen mit etwa 
fünf Meter hohen Mauerresten steht. Ihr Todesjahr ist nicht 1347 
oder 1348, wie vielfach irrtümlich angenommen wird, sondern 
das Pestjahr in der Schwarzwaldgegend 1349 (16. Oktober) 5 . 
Demnach erreichte Luitgard ein Alter von 57 Jahren. Als das 
gottbegnadete Kind zwölf Jahre zählte, brachten es die Eltern 
in das Kloster des Dritten Ordens zu Oberwolfach. Einer in der 
Ekstase erhaltenen Offenbarung folgend, gründete sie in der Nähe 
ihres Geburtsortes, in einer Wildnis, das Kloster Wittichcn ( = Wei¬ 
dengebüsch), in das sie am 18. Oktober 1325 mit 34 Schwestern 
von Oberwolfach übersiedelte 6 . Hier in dieser Einsamkeit wirkte 
Luitgard als ekstatische Mystikerin, opferfrohe Meisterin und 
weitbekannte Büsserin,' vcrliess in Sorgen um das Kloster und 
die Schwestern häufig Wittichcn, aber nur körperlich, ihr Geist 
blieb daheim in der Zelle 7 . Im Jahre 1327 ging das neugebaute 
Kloster in Flammen auf. Die Selige hielt sich damals bei der 
Königin Agnes von Ungarn zu Königsfelden in der Schweiz 

1 Karl Richstätter S. J», Die Herz-Jesu-Verehrung des deutschen Mittelalters, ‘Mönchen 
1924, 65. 

2 Die Kultkontinuität wurde nachgewiesen von Jakob Ebner aaO. 

5 Für die Aufnahme der seligen Luitgard ins Eigenoffizium von Freiburg setzt sich 
neuerdings mit Recht ein: Josef Clauss, Das Proprium Sanctorum Friburgense vom Stand¬ 
punkt der geschichtlichen Kritik, in: Freiburger Diözesan-Archiv C3(1935j 193-206, S. 206. 

4 Mone, Quellensammlung III, 466 (Kap. 84). 

* Ebner, in: Oberrheinisches Pastoralblatt 1042, 42 mit der Richtigstellung der bei 
Mone angeführten Daten. 

* Jahrgeschichten der hranziscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung der badischen 
Landesgeschichte, 3. Bd, Karlsruhe 1863, G44, 

* Ebner aaO. 42f. 


Die sei. Luitgard von Wittichen 47 

auf 1 . Hier sah sie in einem Gesicht den Brand ihres Klosters, 
für dessen Wiederaufbau die Königin sofort weitgehende Hilfe 
versprach. Bereits im Jahre 1330 erfolgte die Weihe der neuen 
Klosterkirche, die unter den Schutz der Gottesmutter sowie der 
hhl. Katharina, Klara, Franziskus, Petrus und Paulus und aller 
Heiligen gestellt wurde 2 . 

2. In die Zeit zwischen Oktober 1323, da Luitgard den Platz 
zur Gründung des Klosters Wittichen auswählte, und dem Jahr des 
zweiten Neubaues der Kirche (1330) sind die in ihrer Lebensbeschrei¬ 
bung erwähnten zahlreichen Bettelreisen zu datieren, welche ihr 
die zum Bau notwendigen Geldmittel beschaffen sollten. Dass es sie 
ins nahe Eisass, besonders nach Strassburg, zog, liegt auf der 
Hand. Auch das an Klöstern reiche Kolmar erhielt ihren Besuch. 

Wenn dem Aufbau der Vita eine chronologische Abfolge zu¬ 
grundeliegt, dürfte schon aus dem Grund anzunehmen sein, dass 
der erste Bettelgang Luitgards ins Eisass dem reichen Strassburg 
galt. Zwei Kapitel der Vita (c. 45 und 46) sind ihrem Strassbur¬ 
ger Aufenthalt gewidmet. Zuerst sprach die Selige bei den neben 
der St. Nikolauskapelle im Giessen wohnenden Inklusen vor. Wir 
lassen den hierfür in Betracht kommenden Bericht der Vita folgen 3 : 

Kap. 45. In den selben ziten was ouch ain gottes fründin, die was ain 
se'm-«sterlin zö Strasbürg zu dem kam ain stimm, do es an siner andacht 
was. ,.e drin malen vnd sprach zu ir: «es kumpt ain bett über Rin her von ainer 
nüwen stift, wer da zu ümer helbling oder pfening git, der ist gesichert des 
ewigen lebens; vnd Jas ist also war als das hailig evangelium vnd das pater 
nojter, v ul zö uineni wortzai.hen so vindest du sy au sant Nicolaus tag zu der 
hilehen an dem Giessen» 6 . vnd vand vnser liebi nulter da, als ir die stimm, 
hatt geseit. Ls war ouch ain andri schwöster, der öffnet vnser herr, wer mit 
jnen gieng oder ulf bettlen oder uff die hofstatt kam durch gott, der hette als 
vil gnaden erworben vm gott, als ob er ain fart hette geton gegen Auch [Aachen], 
ob er mit luter bicht vnd rechtem rüwen dar zö käme. 

1 Leben der RCligen Luitgart Kap. T5, bei Mone, Quellensammlung III, 462 und Jahr- 
gescliiehten der Franziscaner ebd. 644. 

1 Jnhrgeschichten der Franziscaner, aaO. 044. 

1 Mone, Quellensammlung III, 454. 

4 Mone ebd. 454 Anm.* gibt hierzu folgende Erläuterung: « Der Giessen zu Strassburg 
ist das Mühlwehr in der 111 bei ihrem Einfluss in die Stadt, dort lag auf dem rechten Ufer 
die Nikolauskirche und das Ufergelände heisst noch der St. Nikolaus-Staden (quäl s. Nico¬ 
las)*. Damit hatte Mone, wie uns scheint, die heute noch auf dem rechten Ulufer stehende 
St. Nikolauskirche im Auge, welche aber mit der im (Metzger*) Giessen gelegenen, im obigen 
Vitatext erwähnten Nikolauskapelle nicht identisch ist. Diese Nikolauskapelle im * Metzger¬ 
giessen», mit Bcglncnniederlassung, wurde am 8, November 1198 vom Strassburger Bischof 
Konrad geweiht. Alfred Hessel und Manfred Krebs, Regesten der Bischöfe von Strassburg 
2. Bd. Innsbruck 1928, .299 n. 2400a und S. 441, Zusatz 701a. Die « Capclla s. Nicolai in 
dem GieOen » ist urkundlich bezeugt fiir den 21. März 1352, Urkundenbuch der Stadt Strass¬ 
burg, 7. Bd. Strnssburg 1000, 198 n. 672; Urkunde vom 17. Juli 1387 mit Hinweis auf die 
Inklusen »inclusorii capeile s. Nicolai in dem GieOen», ebd. 699 n, 2311; Urkunde vom 7. 
April 1340: smagistra et incluse inclusorii in dem Giessen», ebd. S. 143 Anm. 1. 





48 


Medard Barth 


ff 


Gute Aufnahme fand Luitgard auch in der ebenfalls in Strass¬ 
burg gelegenen Frauenabtei St. Stephan. Den Bericht hierüber 
enthält das 43. Kapitel der Lebensbeschreibung 1 : 

Kap. IG. Dar nach gieng sy ze Strasburg in das closter zu sant Stephan, 
do (tet) der lütpriester jr wort, so er beste kund, wann er hatt wol vemumen 
die warheit von jnen, vnd sunderlich vm das holcz, das in drin tagen gewagssen 
was 2 , vnd hatt jm der vogt von Schenckazell gesait. vnd do sy den priester 
horten das offenlich sagen, do erschrackend sy gar übel, wann sy hetten jm nie 
nüt davon geseit, vnd sprach die mfiter zu ir gespilen: wannen ist dise red kumen ? . 
sy sprach: «ich en wniß». Darnach Ifid sy die iiptissin vnd fragt sy, ob dise red 
war war. Do sprach sy demütenclich:«liebe frow, ich en waiß, wer dise red vff 
haut braucht, haut gott sinen kinden icht. getan, das zimmet siner gfiti wol. 
Wann (er) sy in sinem namen gesamlet haut; vnd wolt jr nit anders antworten. 

Luitgards Besuch von Kolniar ist in das Jahr 1825 oder 1326 
zu setzen Höchstwahrscheinlich bildete er den Abschluss ihrer 
Eisassfahrt. In der Vita liest man darüber Folgendes 2 : 

Kap. 05. Das hie nach aller nächst geschriben staut, das beschah in dem 
ersten iar, do vnser mfiter das closter hatt angefangen*. Do starb ain kind, das 
war ir schwösterkind, das hatt sy mit ir gen Wieten gefürt, vnd was sy in der 
selben zit, do das kind starb oder tod was, ze Kolmar; do kam es zfi ir gen 
Kolmar vnd ruft ir vnd sprach: « mume! • vnd sy sprach: « wer bistu ? > vnd es 
sprach: «ich bin din Gretlin von Uebelbach [Ein Weiler, der zur Gemeinde Kin¬ 
zigtal im Amte Wolfach gehört] vnd bin tod in der zit vnd leb in gottes ewi- 
kait», vnd sy fraugte, wenn es stfirbe, vnd cs sprach: «gestert, vnd ist Syfrid 
vnderwegen vnd will dir cs sagen, das ich tod sig». ... «Liebe mum, du solt 
starek vnd fest sin in den wercken gottes, wann gott will dir helfen, das du 
solt bfiwen ain kirehen, die wirt gewicht e das fünf jar vss kumen 5 . vnd wirt 
ouch schir ain schön closter, vnd will gott dar jnn wfircken vil Wunders 

Wie in Strassburg, wird Luitgard auch in Kolmar die Gast¬ 
freundschaft eines Frauenklosters genossen haben. 


3. Eine Zwischenstation auf der Eisassreise bildete wohl 
Rappoltsweiler. Obsehon die Vita der Seligen nichts davon zu mel¬ 
den weiss, spricht ein bisher unbekanntes Zeugnis, das wir einem 
Klausner von Rappoltsweiler verdanken, zugunsten unserer Annah¬ 
me. IndiesemoberelsässischenWeinstädtchengabesim 14. Jahrhun¬ 
dert und schon früher verschiedene klösterliche Niederlassungen bzw. 
Einsiedeleien“, und da bestand für Luitgard die Möglichkeit, mit 


1 Mone, QucHensammlung III, 454. 

* Den Bericht über dieses Wunder bringt das Kapitel 35 der Vita. Vgl. Monc ebd. 452. 

* Ebd. 459. 

* Diese Zeitangabe kann sich nicht auf die Errichtung des Klosters, sondern nur auf 
den Beginn des klösterlichen Lehens im fertig gestellten Bau beziehen. Denn es l4sst sich 
schwerlich glauben, dass die Nichte Luitgards, die Klosteraspirantin war, schon vor der 
Uebersiedlung der Schwestern nach Wittiehen (16. Oktober 1325) sich hier nufhiclt. 

* Darin dürfte eine Anspielung auf die Kirchweihe von 1330 liegen. 

* Jos. M. B. Clauss, Historisch-topographisches Wörterbuch des Eisass. Zabern 1895 ff 
871 f. B. Bernhard, Iteclierches sur l'histoirc de la ville de Rlbeauvilld, publ. par X. Moss- 
mann, Kolmar 1888. 


Die sei. Luitgard von Wittiehen 


49 


einem dortigen Gottesfreund in Berührung zu treten. Dass dieser 
der elsässischen Mystikerbewegung angehörte, erhellt mit aller Deut¬ 
lichkeit aus der Epistel, die er an die Selige von Wittiehen rich¬ 
tete. Das Schreiben ist zur Gattung der Sendbriefe zu zählen, wie 
sie in Mystikerkreisen üblich waren 1 . 

Erhalten ist uns dieser Sendbrief in einer Abschrift des aus¬ 
gehenden 14. Jahrhunderts. Er findet sieh in einer Sammelhand¬ 
schrift der Freussischen Staatsbibliothek in Berlin, die aus dem 
Besitz des protestantischen Liederdichters Daniel Sudermann 2 
stammt. Der Kodex trägt den Bibliotheksvermerk Ms. germ. quart 
125 und bringt auf Bl. 62 rb -63 ra den Brief des Einsiedlers von 
Rappoltsweilcr. Ueber den Briefsender wie die Adressatin unter¬ 
richtet der dem Schreiben unmittelbar folgende Zusatz: « Dise vor 
gonde lere schreip brfider Gerhart der einsidel bi Roppeltzwilre 3 
swestern Lückin, die mvter und anhaberin [=Gründerin] waz des 
klosters zfi Wittiche 4 .. . » Die Richtigkeit dieser Zuweisung zu 
bezweifeln, liegt kein Grund vor. 

Einleitung und Schluss des Sendbriefes bewegen sich auf 
biblischem Boden und berühren sieh im Ausdruck mit dem Spraeh- 
gut anderer mystischer Literatur. Inhaltlich stellt die in Briefform 
gebotene Lehre des Mystikers von Rappoltsweiler eine gedrängte 
Wiederholung von dem dar, was sich sonst in den Schriften der 
mittelalterlichen Mystik in breiter Ausführlichkeit und spekula¬ 
tiver Tiefe findet. Während die erste Gruppe seiner Unterwei¬ 
sungen negativer Art ist und die völlige Loslösung des Menschen 
von allem, was nicht Gott ist, fordert, zielt die zweite, positiv 
gerichtete auf das Einziehen Gottes in die Menschenseele und deren 
in der Liebe begründete Vereinigung mit ihm hin. Die Mittlerrolle 
des Gekreuzigten wird hierbei betont. Der ganze Tenor des Send¬ 
briefes verrät den Praktiker in Bruder Gerhart. Nun soll sein 
Schreiben an die Selige im Wortlaut geboten werden: 

1 Wilhelm Oehl, Deutsche Mystikerbriefe des Mittelalters 1100- 1550 [Mystiker des 
Abendlandes, hrsg. von R. F. Merkel 1, München 1931. 

* Literatur über Daniel Sudermann bei Luz. Pfleger, Zur handschriftlichen Ueberliefe- 
rung Geilerschcr Predigttexte, in: ArolifElsKg 6(1931)203 ff. 

* Dieser Einsiedler Gerhart ist höchstwahrscheinlich identisch mit dem Bruder, dessen 
Haus auf der Eberlinsmatte bei Rappoltsweiler stand. 1428 fiel dem « Bruder Mathisen, dem 
altvatter doselbst». ein Vermächtnis zu. Karl Albrecht, Rappoltsteinisches Urkundenbuch, 3. 
Bd. Kolmar 1894, 277 n. 549. In einer Urkunde vom 17. August 1439 ist erwähnt, dass 
« bruder Mathisen zu diser zit seßhafft in dem bruderhuß zu Eberlinsmatte» ist. Ebd. 522 
n. 1089. Als Vorgänger dieses Altvatcrs Matthis wäre also Bruder Gerhart anzusehen. 

4 In der Handschrift steht Wittiche und nicht Wirtich, wie Degering irrtümlich las. Da 
im Sendbrief und in den ihm vorausgehenden Texten der Handschrift bei Doppel-t nur das 
zweite t mit einem Oberschaft versehen ist, erklärt sich das Versehen bei II. Degering, Kurzes 
Verzeichnis der germanischen Handschriften der Freussischen Staatsbibliothek, 2. Bd. [Mit¬ 
teilungen aus der Freussischen Staatsbibliothek, Bd. VIII], Berlin 1926,20. 


aek 10 


4 


5Q 


51 


Medard Harth 

« Ich begere an den algenedigen vnsern Herren Jliesum Chri¬ 
stum in dem adel der miltekeit sinre gotheit*, daz er dir gebe 
vnd an dir vollebringe mit allen sinen vßerwelten lieiligen allez, 
daz ime erlich ist zü gebende von dem adel sinre güte vnd dir 
mügelich ist zu cnphahende von sinre gütlichen genaden vnd daz 
bliben in dir bestetige mit allen sinen vßerwelten heiligen von ewe 
zü ew. Amen. 

Min aller liebester frönt 2 in vnserm Herren Jhesu Christo, 
nement war dirre nach ganden reden, die geschriben stat, dar inne 
du von innen zü friden körnen malit, von innen, vnd iegelich 
mensche, der sich zü diesem getruweliche haltet vnd keret. 

Der erste punte ist: lere dich selben dannen tün in aller 
besitzungen aller eigenschaft in allem güte vf ertriche vmbe die 
minne dines herren vnd dins gottes. Daz ander ist: lere dine 
eigenschaft dannan tün in aller eren, liplich vnd geistlich, Milbe 
die minne gottes. Daz drite: lere dich selbe dannan ze tfinde in 
aller | besitzlieheit aller dinre frönde, liplich vnd geistlichen, vmbe 
die minne gottz. Daz vierde: lere dich selber dannan zft tünde an 
aller besitzlickeit dins liplichen lebendes vmbe die minne gotz. 
Daz fünfte: trag alle tage vf alle dise ding vnn dinne sele, in 
den im gevelligen in minnenden willen dins’ herren vnd dins 
gottes, wan er eine weiz warnimmet von dem beginne sinre oife- 
nungen sinre algeweltigest ewigen wisheit waz ime erlich vnd 
gevellig ist an dir zü vollebringende vnd dir selikliohe vnd müge- 
liche ist zft tünde von sinen genoden vnd enphohende. 

In sinen willen loz dich vnd alle ding, vnd daz aller erste, 
daz dv dich selber dannan tüst vnd loszest dich zü gründe in 
allen disen vor gonden pvnten in den willen dins herren vnd dines 
gottes. Das ander ist, daz dv an dich ziehest alle tugent mit min- 
nen zü besitzende in Christo vnserme Herren, vnd die dir mügelich 
sint zü übende, die übe in der minne gottes, vnd die dir vnmü- 
gelich sint zft übende mit den werken, die übe in der minnen gottz 
vnd vnsers herren Jhesu Christi, vnd alsus mühte ein sieche, der 
in dem spittol lege, komen zü dem wesenliehen lone aller tügende. 
Das drite: erhep din inner gemüte vnd aller diner seien krefte 
über dich selber vnd über allez, daz zitlich ist, vnd über alle 
creaturen zü dem einvaltigen eine 3 vnd vmbe vah in mit der inn- 


1 Der Ausdruck «Umbe den adel sinre [=Gottcs] miltekeit» begegnet auch in dem mysti¬ 
schen Traktat, der dem Sendbrief unmittelbar vorausgeht: Bl. 62 ra, 

2 Die Anrede in männlicher Form wurde wohl vom Briefschreiber mit Absicht gewählt. 
8 Das dem Sendbrief vorausgeschickte mystische Stück enthält die Wendung: «in dem 

minnenriche süßen gegenwurfe dez einvaltigen eines»: Bl. C2ra. 


Die sei. Luitgard von Wittichen 

ren minnen dinre seien vnd laz dich von ime vmbevangen wer¬ 
den mit einem in minnenden getruwende diner seien vnd / aller 
diner seien krefte, nim in ime [= inne] so wurt er dich erlösende 
von allen nöten, wan er weiz die zit sinre gevellikeit dez ent bin¬ 
dern dins bandes, do mitte dv doch vor sinen ovgen vngebunden bist. 

O frönt, lit dich als sich der eingeborne gottes sun gelitten. 
hat vnder den fußen der beiden vnd dem biwesende Judas, dem 
er doch sinen lichame gap mit den andern jungem, wie er doch 
wol wüste, daz er in verraten hatte vnd in geben wolte in den 
tot, so bewisete er sich doch gütliche in ime vntz vf daz ende. 
Also tü dv: sist frönt dinen vienden vnd minne den, der dich hasset 
vnd sist ime getruwe an der seien vmbe die truwe vnd vmbe die 
minne dins herren vnd dins gottes vnd hab ein in minnende 
getruwen in dinen got, wan er wil dir geben eine kraft, ist ez, 
daz dv getruwe bist in dem vorgenanten punten darinne er dich 
erheben wil über alle ding vnd gütliche erlösen von allen banden. 

Min frönt, erstirp, erstirp ein lüt.zel zites an dem krütze mit 
dinem gote, durch daz din vferstende von dem tode frfllich werde 
in ime; nüt enhap enkein getrengge von den infliegenden invellen, 
die in dich vallent, wie wünderlich sie iocli sint, so enschadent 
sü dir doch nöt, wan din herre vnd din got siht an die oberste 
begirlieheit dins herzen vnd dinre seien, vnd von der antwurtet 
er dir von ewen zü ewen, vnd ein solich infligende gestüppe, daz 
der wille innerlich nöten wil, daz verswindet allez in dem före der min¬ 
nen. Der fride, der do ist über alle sinne, der vereinige din herze vnd 
din verstentnisse in einikeit dez willen vnd in kraft der minnen vnd 
in vnserme herren Jhesu Christo blibende von ewe zü ewen 1 . Amen. 

Diese vor gonde lere sehreip brüder Gerhart der einsidel bi 
Roppeltzwilre swestern Lückin, die müter vnd anhaberin waz dez 
klosters zü Witticlie. 

4. Die Selige starb bekanntlich am 16. Oktober 1349 an der 
Pest, die ja auch zu gleicher Zeit in Strassburg 2 wütete, wo viele 
Tausende von ihr dahingerafft wurden. Auf die Beziehungen zwi¬ 
schen dieser Stadt und dem Kloster Wittichen hat ihr verhältnis¬ 
mässig früher Tod keinen nachteiligen Einfluss ausgeübt. Daraus 
ist zu folgern, dass die von Heiligkeit umstrahlte Mystikerin, selbst 

1 »Der fride der do ist vber nlle sinne, der einige uwrc liertze vnd uwrc verstentnisse bil¬ 
dende in vnsrenie herren Jhesu Christo von ewe zu ewe vmbe sine erbermede. Amen». So 
schliesst der vorhin genannte Traktat: Bl. Ü2rt> . Dieser Segenswunsch ist eine Umschreibung 
der Pnulusstellc Phil. 4,7. 

3 Closencrs Chronik vom Jahre 3302, in: C. Hegel, Die Chroniken der deutschen Städte, 
8. Bd. Strassburg, Leipzig 1870, 120 f. Closener gibt die Zahl der in Strassburg an der 
Pest Gestorbenen mit 16.000 an. 



52 


Medard Bartli 


bei der Annahme eines angeblich nur einmaligen Aufenthalts in 
Strassburg, dessen religiös-kirchliche Kreise zutiefst beeindruckt 
haben muss. Die Vorteile, die Wittichen daraus erwuchsen, waren 
verschiedener Art. Da das in einem Seitental der Kinzig gelegene, 
von hohen Bergen umschlossene Kloster wegen der grossen Zahl 
seiner Insassen 1 auf Unterstützung von auswärts angewiesen war, 
ist es verständlich, warum ihm das nahe Strassburg, die reiche 
Metropole des Oberrheins, nicht gleichgültig blieb. 

Für die Zeit von 1864 bis 1305 lassen sieh noch etliche Strass¬ 
burger Urkunden beibringen 1 , die beweisen, wie Wittichen seine 
wirtschaftliche Stellung daselbst ausbaute. Es geschah dies auf 
Grund von Anniversarstiftungen, Vermächtnissen und Renten¬ 
erwerb. Im Jahre 1376, da Wittichen die Umwandlung in ein Klaris¬ 
senkloster anstrebte 3 ,übereignete die bcgüterteStrassburgerinDfidn, 
Witwe Bürckelins, genannt Schaffencr von Westhofen, dem Kloster 
Wittichen einen Hof samt Zubehör in der Spitalgasse zu Möls¬ 
heim. Als dessen Hausnachbaren werden genannt Magister Matthias 
von Neuenburg und Johann Stummelin. Eine Konventualin des 
Klosters, Katharina von Haslach, Tochter des verstorbenen Otte- 
mann von Haslach, sollte auf Lebensdauer im Genuss dieser 
Schenkung sein 4 . Dass wir in diesem Haslach das in der Nähe 
von Molsheim gelegene Dorf zu erblicken haben, steht ausser 
Zweifel. Daraus darf geschlossen werden, dass Wittichen auch aus 
dem Eisass Zuzug hatte. 

Wie in Rottweil, Hoehmössingen, Horb, Gengenbach 6 , Lahr 
Villingen und Brugg in der Schweiz, besass Wittichen auch in 
Strassburg eine Sehaffnei 6 . Einem Bericht von 1540 zufolge 7 trug 
letztere dem Kloster jährlich «100 Florin, 4 Malter Weizen, 37 V, 
Malter Roggen 27 Malter Gerste 30 Malter Hafer und 9 Malter 
Erbsen» ein. Die Schaffneien Gengenbach und Lahr lagen übri¬ 
gens im rechtsrheinischen Teil der alten Diözese Strassburg. 

1 Deren Zahl belief sich im Jahre 1376 auf etwa hundert. Vgl. Bulle Papst Gregors XI 
für Wittichen, Avignon 20. Mai 1376, in Abdruck bei K. Rieder, Römische Quellen zur 
Konstnnzer Bistumsgeschichte (1305-1378), Innsbruck 1008 , 607 f. n. 1808. 

2 Urkundenbuch der Stadt Strassburg VII, 341 n. 1160 = Urkunde vom 24. Dezember 1304* 
ebd. 351 n. 1193 = Urkunde vom 10 . Juli 1365; ebd.431 n. 1478 = Urkunde vom 23. September 
1371; ebd. 477 n. 1643 = Urkunde vom 12 . Juli 1374; ebd. 478 n. 16-16 = Urkunde vom 3. August 
1374; ebd. 671 n. 2320 = Urkunde vom 4. September 1387; ebd. 70-1 n. 2730 = Urkunde 
vom 22. Dezember 1895. 

* Bulle Papst Gregors XI vom 29. Mai 1376 in: Rieder, Römische Quellen 607 f. n. 1898. 

4 Urkunde vom 21. Februar 1376, veröffentlicht von F. J. Mone in der Zeitschrift für 
die Geschichte des Oberrheins 21 (1868) 294 f. n.29. 

s Heizmann, Das Frauenklösterlein Wittichen 22. 

9 Die Schaffneien Lahr, Villingen, Brugg und Strassburg sind erwähnt in den Jahr¬ 
geschichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 045. 

? Jahrgeschichtpp dpr Frapziscnncr in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 045. 


t)ie sei. Luitgard von Wittichen 

Bestand und Entwicklung eines Klosters waren an den Schutz, 
den Mächtige nur leihen konnten, gebunden. Wohl gehörte das 
hart an der Strassburger Bistumsgrenze liegende Wittichen zur 
Diözese Konstanz, aber dies hinderte es nicht, auch ausserhalb 
derselben sieb nach Schirmherren umzuselien, die in der Lage 
waren, ihm im Notfall wirksame Hilfe zu bringen. Wenn Papst 
Bonifaz IX im Jahre 1396 das Schwarzwaldkloster in die Obhut 
der Bischöfe von Konstanz, Basel und Strassburg stellte 1 , so ist 
von vornherein klar, von welcher Seite die Wahl dieser Protek¬ 
toren angeregt wurde. Mit Genehmigung des gleichen Papstes 
nahm Wittichen am 9. September 1402 die Regel der bl. Klara 
an. Jurisdiktionen wurde es unter demselben Datum den Franzis¬ 
kanern der Strassburger Provinz unterstellt 2 . Grösstes Entgegen¬ 
kommen zeigte ihm Kaiser Sigmund, als er es auf dem Konzil in 
Konstanz (1417) mit Immunität und sonstigen Freiheiten aus¬ 
stattete und gleichzeitig dem Rat der Stadt Strassburg befahl, an 
seiner Statt dessen Schutz zu übernehmen 3 . Zugunsten des Klo¬ 
sters Wittichen verwandte sieh 1434 auf der Kirchenversammlung 
zu Basel der Kardinallegat Julian, indem er ihm den Bischof von 
Strassburg nebst den Achten von Hirsau und Alpirsbach zu Kon¬ 
servatoren gab*. Nach der wirtschaftlichen wie auch rechtlichen 
Seite hat sich also die Nähe Strasshurgs höchst vorteilhaft für 
Wittichen ausgewirkt. 

Auch mit der Geschichte der Luitgardreliquien ist Strassburgs 
Name verflochten. Als man am 12. April 1629 mit der Erlaubnis 
des päpstlichen Nuntius Cyriakus in Zürich das Grab der Seligen 
in der Klosterkirche von Wittichen öffnete 5 , zog man zur Unter¬ 
suchung der Reliquien katholische und protestantische Aerzte bei. 
Es waren dies Jakob Häussler, Arzt in Villingen, Christian Gabler, 
Leibarzt des Markgrafen Wilhelm von Baden, und Dr. Kieffcr, « der 
berühmteste Mcdicus in Straßburg» 6 . Einstimmig bezeugten sie, 
dass die «Unverwesenheit des Gehirns der Heiligen mehr einer ver¬ 
borgenen göttlichen Kraft als natürlichen Ursachen zuzuschreiben 

1 Urkunde Papst Bonifaz’ IX vom 5. April 1396 in: Fürst enbergisches Urkundenbuch 6. 
Bd. Tübingen 1889, 122 n. 68 Zusatz 3. 

1 Jahrgesehichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 645. 

* Urkunde vom 8.Dezember 1417 in: Fürstenbergisches Urkundenbuch VI, 123n,68 Zusatz 5. 

4 Urkunde vom 12. August 1434, ebd. 122 n. 08 Zusatz a; ferner Karl Rieder, Regcsta 

episcoporum Constantiensium, 8. Bd. Innsbruck 1926, 333 n. 9579. 

• Jahrgeschichten der Franciscaner in Baden, in: Mone, Quellensammlung III, 647. 

4 Ebner, Die ununterbrochene Verehrung der seligen Luitgard, in: Oberrheinisches 
Pastoralblatt 1942, 48. Näheres über diesen Strassburger Dr. Kueffer siehe bei Otto Winckel- 
mann, Zur Geschichte des Badischen und des Nassauischen Hofs in Strassburg, in: Zeitschrift 
für die Geschichte des Oberrheins 24(1009) 583ff. 




54 Medard ßartli 

sei, um so mehr, weil das Gehirn von Natur kalt und unter den 
übrigen Körperteilen am allermeisten der Fäulnis unterworfen ist»i. 

Wenn die Chronik von Thann einiges über den Tod und die 
Erhebung der seligen Luitgard wie auch über den Brand des 
Klosters Wittichen im Jahre 1663 meldet, so ist dies bei der 
Ordensverbundenheit ihres Verfassers, des Franziskaners Malachias 
Tschamser (gest. 1742), ohne weiteres erklärlich 2 . 

Weitere Beziehungen der Seligen bzw. ihres Klosters zum 
Eisass Hessen sich nicht auf decken. Im Jahre 1803 fiel Wittichen 
der Säkularisation zum Opfer 3 . Das Kloster lebt nun in der Ge¬ 
schichte, die selige Luitgard dagegen im Herzen des Volkes weiter. 

1 Ebner ebd. 48. 

* Malachias Tschamser, Annales oder Jahrs-Geschichten der Banrfiiseren oder Minderen 
Brüdern S. Franeisci ord,, insgemein Conventualen genannt, zu Thann. 1721 hrsg von 
A. Merkten, 2 Bde, Colmar 1804; 1,357 und 11,430. 593. Die « Jahrgesehichten der Frnnciscaner 
in Baden », bei Mone, CJuellensammlung III, 041. 047 oder das Luitgardsleben des Franciskuners 
Joh. Ludwig Unglert, Freiburg in Schweiz 1030, dienten ilim nls Vorlage. 

* Ileiznmnn 9. 



Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 

Ein Strassburger mystischer Traktat über den Hausrat 
von Klosterfrauen 

Eingeleitet und herausgegeben von Florenz Landmann 

Der von dem mystisch veranlagten Strassburger Arzt Daniel 
Sudermann um 1600 1 aus Resten mittelalterlicher Faszikel zusam¬ 
mengesetzte Kodex Ms. gernt. 4° 434 (Ende des 15. Jahrhunderts) 
der Berliner Staatsbibliothek enthält an vierter und letzter Stelle 
(Bll. 33-35) 2 ein auffälliges Stück unter der Uebersclirift: «Ant- 
wurt brftder Tornas in söllier verwiß Schaffners Göli des alten». 
Wie die zwei unmittelbar vorhergehendenTexte dürftedas Stück aus 
einem Strassburger Dominikanerinnenkloster stammen 3 . Auf Strass¬ 
burg weist auch Sprachliches hin; ob allerding der Vorfall, von dem 
berichtet wird, daselbst stattgefunden hat, ist damit nicht gesagt. 

Der Verfasser Bruder Thomas, ein jüngerer Ordensangehöriger, 
ist wohl der Beichtvater und Prediger der Schwesterngemeinde 
gewesen, um die es sich handelt. Indem er für das Wohl der ihm 
Anvertrauten irgendwie eintrat, ist er von dem für die wirtschaft¬ 
liche Seite des gemeinsamen Lebens verantwortlichen Schaffner 
Göli dem Alten in Gegenwart anderer, wahrscheinlich der Betrof¬ 
fenen selber, hart angefahren worden. Der Schaffner hat auf das 
im Orden Uebliche hingewiesen und dabei, mit einem verächt¬ 
lichen Seitenblick auf die ärmliche Mitgift der acht anscheinend 
noch nicht lange eingetretenen Schwestern, geäussert, er kenne die 

1 Siehe über ihn und seine Snnuncltätigkeit die Notiz von Luzian Pfleger in der Abhand- 
lunglZur handschriftlichen Ueberliefernng Geilerseher Predigttexte,in: ArchfElsKg6(1931)208ff. 

* Ueber den Inhalt der drei anderen Stüuke siehe Florenz Landmann, Die Unbefleckte 
Empfängnis Mariä in der Predigt zweier Strassburger Dominikaner und Geilers von Kaysers- 
berg, in: ArchfElsKg 0(1931) 189-194. 

* Es könnte auch ein Beginenhaus in Betracht kommen oder eher noch eine der « Sa- 
menungen» für reiche Pfründnerinnen, die von den Dominikanern betreut wurden. Siehe über 
derartige Gründungen Ch. Schmidt, Die Strassburger Begmenhäuser im Mittelalter, in: August 
Stöber, Alsatia, Mülhausen 1859-1801, 149-248. 


Florenz Land mann 


Geister wohl. Es lag darin der Vorwurf für die Schwestern, dass 
sie nicht in reiner Absicht ins Kloster gekommen seien, und noch 
mehr der Vorwurf für ihren Scelenleiter, dass er sich von ihnen 
tauschen lasse und die Genossenschaft dem geistlichen und mate¬ 
riellen Ruin zuführe. 

]Bruder Thomas hat im Augenblick den Verweis des älteren 
Mrtbruders demütig hingenommen, gibt aber Tags darauf dem 
auf seine Lebenserfahrung stolzen Vater Göli die uns vorliegende 
schriftliche Antwort. Sie zeigt den vollendeten Geisteslehrer, der 

..? Vorfall in einer für die Schwestern wie für den Mitbruder 
nützlichen Meise zu gebrauchen versteht. In dem, was ,1a als 
Grundlage wahren religiösen Lebens hingestellt wird, verdient die 
Rechtfertigung auch heute noch gehört zu werden; die Einklei¬ 
dung entspricht allerdings der damaligen Zeit. 

1. Zunächst hebt dieses «ABC des Geistes», wie der Verfasser 
seine Aufklärung nennt, die Wahrheit hervor, die schon Paulus 
(1. Kor. 2,14 f.) predigt, dass der fleischliche Mensch nicht erfasse 
was des Geistes sei, dass hingegen der geistlich Gesinnte alles 
richtig erkenne und beurteilet Hätte Göli das Auge des Geistes 
so wurde er nicht «in rupfender wiß», sprechen, er kenne die 
Geister. Er solle daher den Nebelrauch aus dem Auge wischen 
und sehen, was ihre Schwestern an Hausrat und Ausstattung mit¬ 
gebracht hatten. Es seien Dinge, die man nicht am Wege finde 
und die er mit all seinem Gelde nicht kaufen könnte. Und wären 
sie feil, sie würden ungekauft bleiben, weil der fleischliche Mensch 
nur Verachtung für sie habe. Thomas zählt nun seinem Mitbru¬ 
der die verschiedenen Stücke der Mitgift der einzelnen Schwestern 
auf; doch sind die Stücke nur als Sinnbilder der inneren geistlichen 
Vorzüge und Uebungen der Schwestern zusammengestellt so dass 
an ihre Darlegung das Wichtigste aus dem Lehrgang der christ¬ 
lichen Vollkommenheit geknüpft wird. 

Die erste Schwester hat eine Flachshechel gebracht von Holz 
und Eisen gefertigt. Sie gedenkt der Wertlosigkeit und Hinfällig 1 
keit aller irdischen Güter, verschmäht in wahrer Armut die Welt 
und ihre Lust, verachtet dabei aber niemanden als sich selbst 
Deshalb geht sie streng ins Gericht mit ihrem Tun- sie durch’ 
hechelt und säubert es, dass sie ein reiner Flachs und ihr Herz 
und Gemüt ein Tempel werde, in dem nicht ihr Selbst als Kobold 
und Abgott, sondern Gott der Schöpfer allein Wohnung habe. 

1 A ‘»malis autem homo non pereipit ca, qn,c sunt Spiritus Dei; slultitin enim e,t jllj 

qu,u spiritualiter c5mmtoatu '- S " iritua,is “—j-xS oÄ 


T)as ABC des Geistes von Bruder Thomas 


Die zweite Schwester hat ein Ochsenjoch mit roter Seide gefüt¬ 
tert mitgebracht. Wie die erste hat sie aus Furcht vor den Fesseln 
zeitlicher Dinge in Armut und Demut ebenfalls der Welt und 
sich selber entsagt. Sie zwingt sich jetzt mit frommen Uebungen 
in das Joch des Herrn, sieht, wie ohne Unterlass Unkraut im 
Garten aufgeht und wie sie mit sich selbst und ihren Schwach¬ 
heiten zeitlebens zu kämpfen haben werde, gibt diesen Schwach¬ 
heiten aber mit der durch Christi Blut verdienten Gnade — die 
rote Seide ist deren Abbild nicht nach, sondern findet in ihren 
Uebungen immer wieder Ruhe. Muss sie auch selber manchmal 
leiden, innerlich oder äusserlich, sie bezwingt sich Gottes wegen 
und erkennt von Tag zu Tag mehr, wie sanft das Joch des Herrn 
ist und wie leicht seine Bürde. 

Die dritte besitzt ein inOrdnung gehaltenes Rechenschaftsbuch, 
auf Grund dessen sie Klage führt. Uebt sie sich nämlich mit den 
zwei ersten Schwestern im Joche des Herrn, so gehen ihr inner¬ 
lich die Augen auf, sie besieht sich im Büchlein ihres Gewissens, 
prüft sich in der Kunst der Heiligen und, wenn sie Verkehrtes 
findet, so klagt sie sich an über den Verlust der Zeit, über die 
Schädigung ihres Nächsten insbesondere an dessen Seele, über 
die Gefährdung ihrer ewigen Seligkeit. Je mehr sie das alles erkennt, 
um so grösser wird ihr Reueschmerz. 

Die vierte Schwester hat ein Feuerzeug mit gutem Zunder 
mitgebracht. Gereinigt von Weltlichkeit, in der Tugend geübt, 
immer mehr befreit von bösen Anfechtungen, entfacht sie, so oft 
Gott mit ihrem Willen ist, in tugendhaftem Verlangen das Feuer 
inbrünstiger Liebe, so dass sie nur mehr Lust an Heiligkeit findet 
und in voller Freiheit des Herzens auf dem Weg der Gebote 
Gottes dahineilt. 

Die fünfte Schwester hat einen Hund an einem Strick gebracht, 
einen Hund, der drei Augen hat und nur bellt, wann sie will. Es 
ist das zornmütige Streben ihres Herzens: das eine Auge sieht 
über sich die Beleidigung Gottes, das andere neben sich die Ver¬ 
fehlungen des Mitmenschen, das dritte in sich die eigene Wildheit. 
Mit Hülfe der drei Augen findet die Schwester, dass ihr die 
Beleidigung Gottes allermeist zu Herzen gehen muss, dass sie auch 
Mitleid empfinden soll mit dem Elend des Nächsten, dass sie für 
sich aber Beleidigung und Schmähung nicht achten darf. Dünkt 
sie also, dass ihr jemand irgendwie zu nahe getreten ist und kann 
sie den Gedanken geschädigt zu sein nicht los werden, so küm¬ 
mert sie fürs erste nur, dass der Nächste dabei Gott beleidigt 
hat, und lässt den Hund am Strick bellen, ohne über das ihr 


Ä8 Florenz Land mann 

Angetane in Zorn zu geraten; sie wird vielmehr ob des Nächsten 
Verfehlung von Erbarmen und Mitleid mit ihm gerührt. Steigt aber 
der Unmut über das ihr geschehene Unrecht, wie sie wähnet, doch 
in ihr auf, da bindet sie den Hund los vom Strick und hetzt ihn mit 
beiden Händen gegen den Abgott ihrer Selbstsucht, Gott, dem 
König der Ewigkeit, allein die Ehre gebend. So übt sie sich, als 
getreue Dienerin einzig ihres Herrn wegen das Gebotder Nächsten¬ 
liebe zu erfüllen, und bleibt in Gunst und Frieden mit jederman. 
Es ist dies in einer Genossenschaft von Menschen das Wahrzeichen 
und Wappen des Christentums, ein Abbild des von Gott allge¬ 
ordneten Austausches der Naturkräfte in gegenseitigem Geben und 
Nehmen, ein Himmel der Freude und Freundschaft auf Erden. 

Die sechste Schwester bringt einen Augenspiegel, zweckent¬ 
sprechend, da eines ihrer Augen scheel, das andere finster ist, d. h. 
in geistlichem Sinne: auf das Aeussere gerichtet und von Gott 
abgekehrt. Mit ihrer Brille zwingt sie das eine Auge, nach innen 
zu sehen, um so mit Hülfe eines erfahrenen Beichtvaters ihr Herz 
zu reinigen von den geringsten Fehlern; das andere Auge, in den 
Geschöpfen überall Gottes Spuren zu erblicken, um so bei deren 
Gebrauch ganz nach seinem Willen und Wohlgefallen zu handeln. 

Die siebente hat ein seltsames Tier gebracht, ein Tier mit 
einem Auge, mit dem es zugleich sieht und hört, da es weiter 
keine Ohren hat. Und dieses Auge ist blind und taub für alles, 
was von aussen kommt, so dass die Schwester davon unberührt 
bleibt, auch wenn es ihr zum Trotz geschieht. Sie sieht und hört 
allein, was Gott in ihrem Herzen redet. Was nicht Gott und 
Gottes ist, gelüstet sie nicht. Sie nimmt ohne grosses Verlangen 
nach der Zukunft in Dankbarkeit und Geduld hin, was kommt, 
tut dabei aber doch das Ihrige, dass sie vor Gottes Gericht keiner 
Versäumnis schuldig sei. So lebt sie zufrieden in jeder Lage und 
ruht in Gott, der allein ihr Ziel ist. 

Die achte ist eine Laienschwester, heisst Anna, so dass man 
ihren Namen von vorn wie von hinten lesen kann. Wie man an 
sie herankommt, sie ist immer gleichmütig, fröhlich und gehor¬ 
sam. Sie hat die Röstpfanne Ezechiels ( 24, 3 ff.) mitgebracht. 
Was die fleischlich Gesinnten denken, reden, tun wider die Geis¬ 
ter, das wirft sie in diese Pfanne und lässt es da brodeln, ohne 
sich weiter darum zu kümmern. Sie bittet nur Gott, dass er deren 
Finsternis wegnehme. 

Der Verfasser stellt nach dieser Aufzählung fest, dass alle 
diese Schwestern Besitztum hätten. Allen gemeinsam sei, dass 
dieser ihr «plunder vnd hußrot » durch den Gebrauch nicht alt 


Das AHO <les Geistes von Bruder Thomas 69 

und schlissig, sondern immer stärker und besser werde. Gebrauch¬ 
ten sie ihn also, so dürften sie nimmer Mangel leiden. Er fügt 
dem die Aufforderung bei: « Bitte Gott, mein Vater Göli, dir von 
diesem Hausrat etwas zu schenken. Hast du das, so sprichst du: 
Gebenedeit sind die Geister! Du wirst dann nicht mehr fragen: 
Was haben sic gebracht? Gott sei mit uns! » 

2. Dieses ABC des Geistes, das Bruder Thomas dem Vater 
Göli vorführt, enthält tatsächlich die Grundübung des christli¬ 
chen Geisteslebens, in welchen Formen dieses sich auswirken mag: 
die Bezwingung der ungeordneten Selbstliebe durch die Gottesliebe. 
Die Möglichkeit, darin sehr weit zu gehen, ist durch Christi Verdienst 
und Gottes Gnade in den weltlichen Berufen wie im Ordensstande 
gegeben, nur dass den zum Klosterleben Berufenen durch die von 
der Kirche gutgeheissenen Ordenssatzungen und Regeln mehr Gele¬ 
genheit gegeben ist, in dieser Uebung planmässig fortzuschreiten. 

So sucht die erste unserer Schwestern ihre Seele von jeder unge¬ 
ordneten Anhänglichkeit an das Vergängliche zu reinigen und Gott, 
der sie für sich erschaffen hat, darin leben zu lassen. Die zweite fühlt 
die Schwierigkeiten dieses Kampfes und die stete heimtückische Auf¬ 
lehnung der Selbstsucht, gibt aber nicht nach und fängt so an, die 
Süssigkeit des neuen Lebens im Dienste des Herrn zu erkennen. Die 
dritte und vierte Schwester gehen auf diesem Wege der Reinigung in 
Sclbstprüfung und Reueschmerz weiter, werden bei ihrem ernsten 
Streben nach Tugend und Heiligkeit innerlich immer mehr erleuch¬ 
tet, die Anfechtungen werden geringer, ja das Feuer inbrünstiger 
Liebe zu Gott lodert durch dessen Güte bereits öfters in ihnen auf. 
Die fünfte Schwester sucht mit Hülfe des inneren Lichtes mit den 
Aufwallungen des Zornes bei Anstössen, die ihr der Nächste gibt, 
nach Gottes Willen fertig zu werden, und hört nicht auf mit dieser 
Uebung, bis sie in Gott auch jeden Mitmenschen in Liebe umfasst. 

So lernt auch die sechste Schwester, Gottes Spuren in allen 
Geschöpfen zu sehen, weil sie diese mit immer reinerem Herzen 
betrachtet und nur für die von ihm gewollten Ziele zu gebrauchen 
sich gewöhnt. Bei der siebenten Schwester ist diese Gleichförmig¬ 
keit des eigenen Willens mit dem Willen Gottes, soweit das auf 
Erden möglich ist, vollendet: sie hat für alles andere keinen Sinn 
mehr und findet nur in dem ihre Ruhe, was Gott gefällt. Dieser 
höchsten Liebesvereinigung mit dem Schöpfer und Herrn erfreut 
sich aber auch, ohne sich weiter davon Rechenschaft zu geben, 
in ihrem kindlichen Gehorsam die Laienschwester Anna. Ihre stete 
Gelassenheit ist eine Gottesgabe, die jedem geschenkt werden kann, 
der sie mit gutem Willen entgegenzunehmen bereit ist. 



' 




8 f> Florenz Lnndniann 

Das ABC des Geistes zählt das Bemühen von gerade sieben 
Schwestern auf, wobei man an die sieben Gaben des Heiligen 
Geistes denken mag,, von der kindlichen Furcht angefangen bis 
hinauf zur Gabe der Weisheit. Die achte Schwester zeigt, wie auch 
im Laienstande und Dienst der anderen diese Leiter der christ¬ 
lichen Vollkommenheit erstiegen werden kann. Zugleich wird die 
Wahrnehmung nahe gelegt, dass, wo man in der Beschaulichkeit 
auch stehen mag, die Möglichkeit weiteren Fortschrittes immer 
gegeben ist, da ja das Mass der Gottesliebe nach einem Wort des 
hl. Bernhard darin liegt, wie Gott selber ohne Mass zu sein 1 . 

3. Wer ist nun dieser Bruder Thomas und sein Ordensgenosse 
der Vater Göli? 

Der Zeit und Zusammensetzung der Handschrift nach könnte 
der erste der Franziskaner Thomas Murner sein; doch verrät 
wenn man von der satirischen Note gegen Göli und der äusseren 
Einkleidung der geistlichen Lehre absieht, auch keine Zeile die uns 
bekannte Art und Gedankenwelt dieses Ordensmannes. Das ABC ist 
nicht verfasst, die Sünden und Laster des Volkes zu treffen, son¬ 
dern beschäftigt sich mit dem höchsten Streben reiner Seelen, ihr 
Ordensleben zur mystischen Liebesvereinigung mit Gott nutzbar 
zu machen. Die für Göli eingestreuten lateinischen Texte sind von 
der Abschreiberin (an eine solche hat man ohne weiteres zu denken), 
grässlich verstümmelt wiedergegeben worden,einZeichen, dass die ge¬ 
brauchte Vorlage wohl älter war und ihrerseits schon derartige Män¬ 
gel an sich trug; nur die aus dem kirchlichen Chorgebet der Schwes¬ 
tern bekannten Texte und Wörter sind richtig geschrieben. 

Dazu scheint mir auch die Form der deutschen Sprache — eine 
elsässische, ja wohl strassburgische Mundart — zu verbieten, den 
Verfasser weiter herunterzusetzen als in die Zeit der vom Eisass 
ausgehenden Reform der Dominikaner- und Dominikanerinnen¬ 
klöster, die Zeit etwa des Ordenslebens von Johannes Meyer (1482- 
1482), ihres so begeisterten Förderers und Geschichtschreibers 2 . 

Es gab damals im Predigerorden bei den Observanten zahlreiche 
Beichtväter und Prediger, die wohl imstande waren, das Wesent¬ 
liche der Geisteslehre so treffend wiederzugeben, wie es in dem 
nun folgenden Schriftchen geschehen ist 3 . Die lange Reihe von 

1 S. Bemardus, De diligendo Dcum, c. 1: Causa diligendi Dcum Deus cst, niodus sine 
modo diligere. * Vgl. Annette Barthelme, La It('forme dominicaine au XV« sii-ole cn 

Alsace et dans 1’ ensemble de la province de la Teutonie [Collection d’ Kindes sur 1' flistoire du 
droit et des institutions de 1' Alsace, Fase. 7], Strassburg 1931, besonders S. 8 f. 

* Man beachte etwa den Personalbestand des Baseler Prcdigerklosters und die Tätigkeit 
der einzelnen Väter, die Meyer in seinem Jubiüiums- und Todesjahr 1482 gibt, bei G.M, 

Löhr, Die Teutonia im 15. Jahrhundert [ Quellen und Forschungen zur Geschichte des Domi. ' 

nikanerordens in Deutschland, Heft 19], Leipzig 1924, 122*130. 


Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 01 

Trägern des Namens Thomas aufzuzählen, lohnt sich nicht, da man 
doch zu keiner Sicherheit kommen kann. 

Soll trotzdem eine Vermutung ausgesprochen werden, so 
möchte ich noch über Meyer hinaufgehen bis zu Thomas, dem 
leiblichen Bruder Konrads von Prcusscn, des ersten Anregers der 
Reform. Thomas hat mit diesem 1389 im Kolmarer Männerkloster 
die Observanz begonnen, folgte ihm 1396 dort als Prior nach und 
wirkte später in dem 1397 eröffneten Schwesternkloster zu 
Schönensteinbach, dem Ausgangspunkt zahlreicher anderer Kloster¬ 
reformen, als Beichvater 1 . Es könnten seine acht Schützlinge 
ein Zug von Schwestern sein, die er zur Einführung der Obser¬ 
vanz in ein anderes Dominikanerinnenkloster geführt hat. Die von 
ihm verfasste Antwort an Vater Göli wäre dann fünfzig Jahre 
später, bei der zweiten Rcformwclle, die von Schönensteinbach 
ausging, in den Strassburger Frauenklöstern verbreitet worden, 
und die Sprache hätte Strassburger Färbung angenommen. 

Für Thomas von Preussen fällt auch ein Eintrag in dem 
Totenbuch des Klosters von Kolmar ins Gewicht, ein Stück aus 
dem Brief des damaligen Ordensgencrals Ravmund von Capua 
an des Thomas Bruder, den Reformator Konrad, in dem gerade der 
Gedanke ausgesprochen wird, den der Verfasser unseres Trakta¬ 
tes ausführt: «Ein heiliger Same ist uns geblieben in einigen 
heiligen Brüdern, die den Erdengütern entsagt haben, die aber 
als Kinder des Segens nicht mit leeren Händen zu uns kommen, 
sie tun sich Gewalt an, die ewige Erbschaft zu erringen» 2 . Es 
handelte sich ja bei der Observanz der Bettelorden immer in erster 
Linie um das Zurückgehen auf die ursprüngliche Armut der Regel 
zur leichteren klösterlichen Uebung der Gottes- und Nächsten¬ 
liebe, nicht unmittelbar um Abstellung sittlicher Missbräuche. 

Ausgeschlossen scheint auf jeden Fall, dass Thomas und 
Göli sowie der am Anfang und Schluss des ABC berührte 
Vorfall zwischen ihnen nur literarische Fiktion sind, mag auch 
das, was von der geistigen Haltung der acht in Frage kommen¬ 
den Schwestern berichtet wird, in dieser Stufenfolge des geist¬ 
lichen Aufstiegs im einzelnen nicht als geschichtlich genaue 
Darlegung zu gelten haben. Es klingt uns hier doch ein ganz 
anderer Ton entgegen als in den bekannten Machwerken Rul- 
man Merswins. 

1 Siehe über ihn —• er licisst mich Thomas de Grossis— Löhr 4D und Barthelmö 30. 32. 43. 
Sollte mit seinem Ordensgenossen Göli am Ende der bekannte Strassburger Ingoldus Wild 
(Löhr aaO. 52. 180) gemeint sein, der nie zur Observanz und insofern zu den Alten gehörte? 

* Ch. Wittmcr, L’ Obituairc des Dominicains de Colmar [Publicntions de la Sociötd Sa- 
yantc d’Alsace et de Lorraine, Fase. 3-4], Strassburg 1034-35; I, 25; II, S. VIII und 121 f. 




C2 Florenz Landmann 

[ Bl. 33: ] Anwurt b r fl d e r T o m a s in s ö 1 h e r 
verwiß 1 Schaffners GMi des alten. 

Lieber vatter! Am vorigen tage vor luten vß verwiß Hessen 
ir mich an mit Worten vnsers harbringens 2 vnd ir kanten die 
geister wol. 

Nun ich sach 3 vch zu berichten: Geister erkenen mag kein 
vinster oüge. Einem jeglichen ist sin herczigung vnd anligen sin 
oüg. Der fleischunge 4 * saht* nit, W'as do ist des geistcs gotes, wen 
sin anliggen vnd beherczigung ist eigen gesüche«. Dcshalp vrteilet dz 
selp oüg noch fleischlichem amit 7 , hat falsch gewüht vnd mcß: cupi- 
ditatem. Das nennet vnser herr: oculum nequam 8 , kennet nit geister. 

Ist ein ander oüg, simplex, erlüchtet von der sunnen. Ihesu, 
die sun, erlüchtet nit allein vserig 9 , sunder ouch hinnyn. Er liichtet 
vnd empflemt 10 von innen gemiit der manschen, nit deren, die vff 
sich selps gekerct in 11 selps strit sich machen. Dz selbe oug erken¬ 
net gcworlich geister vnd fleischer, erkennet bö s bös, gut gut, 
falsch falsch, hat reht gewiehte; syeht ewiges vnd dz mittel 
erberkeit, worheit vnd dugcnt; sehetzet erberkeit vbcr golt Vnd 
edel gestern, hanget ir an mit begirden; fliht als 12 kot vnd mist 
vnd wz mit der zyt, vergat. 

Hetest dudiß oug,sprechest nit in rupfender wiß: Ich ken geister. 
Dz fleisehoug ist nit wirdig zü erkenen, wz geister sint. Wusch ab 
den rouch des nebels und sich an 13 ; hap des geistcs a. b. c! 

Unser viii swestern hant mit in broht h u ß r o t vnd p 1 u n- 
d e r. Ist nien nit 14 feil vmb alle din barschafft,huß, hof vnd renten; 
mag nieman kouffen, entlehenen, wurt nit am weg funden; ist 
Verachtung dem fleischougen vnd, wer es feil, blip vngekoufft. 
Nonam latent quod cupiunt bonum nescire ceci sustinent 15 . 

Die erste hat broht ein flahs hechcl von holcz vnd ysen. 
Sy gedencket ires lesten 16 hülczig, hinrisich, wurmstichig; versmoht 
in geworer armut des geistes 17 der weit iippikeit, lust, richtum, 
gewalt, hoher state wirdikeit, rum vnd crc; versmoht die wcltj 
versmoht niemen den sich, versmoht verachtet werden 18 ; ziihct sich 
mit gewalt in tün on vnderloß durch hcchelzen, sövert sich von 
irdischen, fleischlichem gemöl 19 , eglen, werck, dz sy werd luter flaß, 

1 in solcher, so beschaffener, d.h. hier: Antwort auf die bekannte Zurechtweisung. 

2 Will wohl sagen: unter Hinweis auf das bei uns Uebliche. a sage. 

4 Adjektiv von Fleisch: der sinnliche Menseh. * sieht. 

8 Siechheit, hier also: Eigensucht. 7 Amt, d.h. hier: im Dienste des Fleisches. 

8 Vgl. Matth.6,23. 9 äusscrlich. 10 entflammt. 11 ihnen. 12 also. 13 sieh zu. 

14 nirgends. 15 Die Wörter geben so keinen Sinn. 

18 Das Letzte, Jüngste; gemeint ist w'ohl der Sarg: hölzern, rissig, wurmstichig. 

17 Am Rande steht hier: paupertate. 18 Am Rande ist hier hinzugefügt: tymore, 

19 Staub, Müll; vgl. Maulwurf. 


Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 63 

herczens vnd gemutes zum tempel gotes; wurfft vs, drütet 1 vnder 
ir füß dz schreezel, abgüttel, sich selpß; dz in ir stat hab vnd 
[Bl. 3J5 1 ] vß ir leb nit sy selbs, sunder 2 Got ir Schöpfer. Vivo ego, 
non ego, sed vivit in me Cristus 2 . 

Die ander swester bat broht ein ohsenjoch mit roter syden 
gefiltert. Syd ist die senffte des jochs Cristy; rot ist, dz alles 
vnser verdienen vrsprung im liden Christi*. So sy mit der ersten 9 , 
vs vorhten der stricken zeitlicher ding, in geworer armut vnd demu- 
tikeit der weit vnd ir selpc urlop geben hat vnd die flucht gehen 
Iot\ sy sich yeezen gezemt 7 , mit absterben der vorderichen ding, 
gütlich inwetten 8 in dz joch vnsers herren, lot nit ab in vorderi¬ 
chen Übung 9 , merek 1 ", dz on vnderloß vnkrüt im garten vff göt, 
nimpt me vnd me war, wie schelcklieh sich dz apgiittel harfür 
büttet 11 mit sinem eigenen gesuch on vnderloß. Vnd so sy weiß, 
dz sy des nit wol ab mag gesin in dißer zyt — Quis liberabit a 
corpore mortis buius ? — do gibt sy doch nit willen vnd stillet aber 12 
mit steter iipung, so vil sy mag mit gnoden - Gracia domini nostri 
Jhesu Christi 12 . Vnd so sy joch 14 etwen liden muß kummer vnd 
pasyon der zufell, sygent sur oder er süß 1S , zwingt sy sich vnd 
verwillget nit vnd lidet durch Got vnd siht von dag zu dag, wie 
senfft dz joch des herren vnd licht sin biird 16 . Quit stolidis menti- 
bus impreter etc. Et cum flumina gravi mole paraverint de hine 
vana ago stat.im bona 17 . 

Die iij. swester, ein ordeliclien rechenbuch mit klage. So sy 
mit [den] ersten sieh übet im joch vnsers herren, so gont ir vff 
ir inwendigen ougen vnd besäht sich im buchlin irer conczienc- 
zien, beschowt sich in kunst der heiligen, vnd so sy me vindet 
ungereehs, so sy me cklacht Verlust irer züt, smoheit ires Schöp¬ 
fers, schaden ires nestes 18 , sunder der seien, verzug ewiger selikeit. 
Qui audit scienciam, addit dolorem 19 . 

Die iiij. hat broht ein ftrgezäg mit gutem zundel. Weltlicher 
üpikeit vnd nerscheit entrunen, jm joch Christi gebracht vnd iecz 
gekocht in Übung der tugent, gesund worden vnd heil von läster¬ 
lichen antastungen, starek worden vnd hungerych, scleht [sy] vif 20 , 


I tritt. 1 Darüber steht: aber. * Vgl. Gal. 2,20. 

4 Dieser Satz steht in der Mitte des Abschnittes, gehört aber hierher. 

4 Nämlich: mit der ersten Solnvester. 6 Wohl: und beide ihre Wege gehen lässt. 

7 Von: zämen; also: so zwingt sie sich jetzt. 8 hinein. 

• Das heisst, wie sie die erste Schwester übt. 10 merkt 

II hervorbietet, liervordräng!. 18 und besänftiget sich wieder.- 

18 Vgl. Röm.7,24f. 14 auch. 18 sie seien sauer oder eher süss. 

14 Matth. 11.30. 17 Diese lateinischen Zeilen geben keinen Sinn. 

18 ihres Nächsten. 19 Vgl. Eccl. 1,18: Qui addit scientiam, addit et laborem. 

' 38 sic schlägt auf, d.h. sie entflammt .... Feuer der Inbrunst. 


64 Florenz Lancln.ann 

so dig sy wil vnd ir got gint 1 , für der inbrynstvkeit vff dz zünde] 
der tuget[B1.34]lichcr heilger neigung, so durch die vordcryche 
vbung gestillet sint vnd gemiltret der wint der vnordelichen anvech- 
tung, dz sy kein ding alß lüstet alß heilikeit des lebens. Cuus agi 
fernis obtenipar iusticie summa libertas est. Viam mandatorum 
tuorum [cucurri], cum dilatasti cor ineum 2 . 

Die v. hat broht jm hertzen ein hunt an einem strick, heiset 
zorn, hat iij ougen; der billet nit, den so sy wil. Ein oug siht ob 
sieh, dz ander neben sich, dz iij. in sich. Das erste sich 3 smocheit 4 , 
die Got beschicht in sunten, dz ander syeht eilen 5 in Sunden ires 
cbennen mönschcn, dz iij. sieht mögen vnd grimen* in ir selbes. 
Ynd [sy] iundet vß rot 7 der iij ougen, dz ir zu herczen gon sol 
aller meist smocheit ires heren vnd mitliden haben vnd sich erbar¬ 
men in eilende vnd Stichtagen 8 ires nesten vnd nit ahten, ob ir 
smocheit vnd verachtunge gesche. Vnd wan sy beduncket, dz jeman 
gedenck, arckwon, vrteil, red, tu oder losse, domit sy gcschediget, 
snöder veralitet, dz sy doch nit lihtlich beduncken sol; so sy sin 
aber gewiß oder sich arkwones nit erweren mag, so wiget 3 sy 
für dz erste, dz ir here in dunde 10 ires nebnen gesmoht vnd 
geschediget ist, vnd lostt den hunt am strick bellen, dz dz mugen 
nit werd zorn vber iren ebenen, der do stroffpar sy. Dar noch 
bedenckt sy eilend ireß ebenen in sunden, mit denen sy veralitet 
geschediget; zürnet nit sy[n] — nequicia myseros. Vnd so sv r empfin¬ 
det, dz in ir vff gestanden ist dz mügen dorvmb, dz sy verachtet 
ist, also sy wenet, so lidiget sy den hunt vom stryckel vnd heezet 
mit beden henden den hunt in ir apgöttl eigens gesuchs 11 vnd 
spricht: Mach dich hin hinder, du schalck in der hüt 12 , du ne- 
quam 13 , man sol dich nit anbetten. Regi seclorum immortali invi- 
sibili, soli deo honor et gloria 14 . 

Dise Übung hat sy on vnderloß, biß dz sy in allem dem, dz 
ir erbotten wurt, allein sucht die ere ires heren, des 15 nucz vnd 
reverencz, also ein getruwe dienerin sich besmanpt 1 * z fl zühen in 
irem sack. Des sy öch gebot haltet in irem nesten, irem ebenen 
in erbermd vnd mitliden, vnd do mit blipt sy in gunst vnd 

1 Von gunnen: gönnt. Also: so oft sie will mit Gottes Gnade, 

7 Der erste Teil ist unverständlich, der zweite findet sieh Cs.118.32. 1 sieht 

I Am unteren Rand ist liier durch ein Zeichen der erklärende Satz nachgetragen- 

vermlefft jagt, versteniß sieht, affeccio grifft. 8 

5 «eilen» heisst Kampfeifer; doch steht cs hier wohl für. eilend., das gleich nachher folgt 

“ Aerger und Wut. 7 aus rat, d.h. mit Hülfe. • Siechtagen, d.i. Krankheiten. 

» erwägt. 10 Wohl: im Tun. Oder ist dafür ,sunde’ zu lesen? 

II Eigensucht. 11 Haut. Das Wort wird selber als Scheltwort gebraucht für Weih 

“Lesung zweifelhaft. 14 l.Tim.1,17. 44 dessen, d.h. seinen. 

14 Das Wort ist wohl eine Erwcitenlngsform von smaehen, sinan, d, h. hier: geringfügig 
behandeln; das nachfolgende zühen ist unser zeihen, beschuldigen; doch ist der Sinn des Satzes 
nicht klar. «Sack» bedeutet vielleicht dasselbe, wie vorher < hüt*. 


Das ABC des Geistes von Bruder Thomas 65 

ewigem friden mit ieder man. Vnd dz ist krüger 1 vnd geworzeichen 
der cristcnen vnd hoehzit wappenkleit. O felix hominum genus! 
In solcher freiden vnd frynsschafft hat der schoffer züsamen 
verwidmet 2 die liimel vnd ele[Bl. 34‘]ment, dz sy von ein ander 
geben vnd nemen vngeloczet ires ewigen blibens 3 . Dz ist celum. 

Die vj bringet ein ougspiegel bedarff. Wen ir ist ein oug schel; 
dz wil stetes mit der geiß zu in wähl. Vnd dz ander vinster zu 
Gott zu sehen. Mit der prillen zwinget sy dz ein oug, in sich zu 
erkennen' vnd zü süffren bresten vnd sund biß vff den mynsten 
quandranten mit rot eines getruwen erfarnen bichters zu reinygung 
ires hereczen. Do durch [zwinget sy] dz ander oüg vß gereinigten 
herzen vnd gemut scncken* vnd gespuren suchen, vinden vnd 
merken den sch S ff er in allen creaturen, mit den seihen 5 hand- 
len vnd gebruchen in syner angesüht, noch willen sins getlichen 
wollgefallens. 

Die vij. hat praht ein selczen" dier mit einem oügen; mit 
s fi ht es vnd höret vnd hat sust kein oren. Dz oug ist hininn 
gekert, ist blint vnd doup harvsß; nimt sich nit an, wz ieder- 
man dut oder lat, lat liuß wz in ir 7 geschuht, wan es schon ir 
zu tracz geschüht; berurt sy nit, wan sy lat es nit hinnyn. Des 
türes oug süht es nit. als ob es nit Wer. Es syht allein innyn, 
wz Got im herczen redt. Wz nit got vnd gotes ist, lüstet sy nit, 
tut keinen anschick, der wider Got. Sy sucht öch nit mitel Got 
vngefelig; wartet on groß verlangen, AVer dz wz kimfftig 6 , nimpt 
vff mit danckberkeit vnd gedult, wie es kumt; tut doch wz 
des iren [sy] tun sol, dz sy nit 9 schuld hab der versümniß. Wen sy 
weiß, dz niemen gerren mag den ewigen anstag 10 gottes. Pace 
sapiencia hiemit ist sy züfriden in allen dingen vnd rügt 11 in 
Got. — Tu requies tranquilla, in te, eterne, finis 12 . 

Die viij. ist ein leigswester 13 , heißet Anna. Wie man den na- 
men hinder sich vnd für sych [lesen will], ist Anna. Wie man 
sy ankumt, ist [sy] glichmütig vnd frölich vnd gehorsam. Hat 
broht die röstpfann Ezechielis 14 . Beati eritis, cum vos oderint etc 
et dixerint non mirtentes propter nomen meum 15 . Alles dz die 


1 Losung, Feldgesehrei, von crier. 1 gestiftet, gegründet, bestimmt. 

• ungehindert (von letzen, d.h. hemmen) in ihrem ewigen Bestand. Am Rand steht hier 

iinks oben: caritas virtus. 1 Wohl: sich zu senken. 

• mit den solchen, d. h. mit drn Geschöpfen. * seltsames. 7 an ihr, ihr gegenüber. 

• Hier scheint ein Zeitwort zu fehlen, oder man muss umstellen: dz wz kimfftig wer. 

9 Hier folgt eine Wiederholung: dun sol. dz sy nit. 

10 Wohl: Angsttag, Gerichtstag, der die Ewigkeit einleitet. 11 ruht. 

14 Es ist der allen Mystikern vertraute Gedanke des hl. Augustinus. Confessiones I, 1. 

14 Laienschwester. 14 Ezechiel 24, 3 ff. 

14 Vgl. Luk. 0,22 und Matth. 5,11; 10,20. Die Stellen sind fehlerhaft wiedergegeben. 



cc 


Florenz Lnndmnnn 


fleischer argwenec vrtcilcnt, murirlent, thunt, schai'fent, gedon, 
fluchent wider die geister, cntphlet 1 sy in die röstpfann. Dor in 
lot sy dz brudlen, [Bl. 35] nimpt sieh sin nit an, riirt ir ir hercz 
nit, bitten Got für ir vinsterniß: Da luee reperta in te eonspicius 
annum, ansungra visus*. 

Alle diße hant 3 . Gemeine ist aller, dz yeglicher dißer hußrot 
wurt nit alt, slisset nit; so man in me brucht, so er sterker vnd 
beser wurt, vnd die wyl sy dißen plunder vnd husßrot pruchen, 
mögen sy niemer me niangel haben. 

Bit Got, myn vatter Göly, dir des hußrotes etwz zu geben. 
So du des hast, so sprychest du: Gebeniget sint die geister, vnd 
wursch nit me forschen: Wz hant sy praht? Got sy mit vns! 

1 entvlochen, d.h. durch die Flucht entziehen; hier also: entfernen, wegtun. 

* Bleibt so unverständlich. s Das heisst: haben Besitztum.* 

* Zur Sprachform und ihrer Wiedergabe. — Wir haben <len Text gegeben, wie er in 
der Handschrift vorliegt; nur wenige offenbare Flüchtigkeitsfehler sind verbessert. Hei den 
Zeichen über den Selbstlauten o und u konnte man oft im Zwcirel sein, zumal der Schreiber 
sich nicht treu bleibt und sie häufig ganz, fallen lässt; v Und v mit darüberstehendem e sind 
als ü und ye wiedergegeben. Aunli der fortwährende Wechsel in der Schreibart gewisser 
Wörter ist beibehalten. Er ist ein Gebrechen vieler mystischer deutscher Texte und gellt zum 
Teil nuf die starke Vervielfältigung, besonders durch Solireiber verschiedener Mundarten 
zurück. Dass die Sprachform alemannisch, niiherhin elsässisch ist. lässt sicli nicht bezweifeln 
Strnssburgisehe Färbung erscheint etwa in Ausdrücken wie; in sölher = in tl’scller; gewühl 
vnd meü; nie nit feil = niencz feil; hinder sich und für sich = von rückwärts und vorwärts- 
werck = Werg; wursch -- du wirst. Stoff zu näheren Vergleichen, besonders mit der Sprache 
Taulers, Geilers, lirnnts und Murners, bietet das aus den Sammlungen von Karl Schmidt 
hergestellte Historische Wörterbuch der elsässischen Mundart, Strassburg 1001, sowie sein 
Wörterbuch der Strassburger Mundart, Strassburg 1890. So findet sich, um hier nur einiges 
unzufiihren. verwissen, verwissung = Vorhalten, Vorwurf bei den drei letztgenannten- 
berichten = belehren hei Murner, der von den Kindern sagt: «Wie sie von dir berichtet 
werden, gleich kiinnent sie die selben berden » OJarrcnbescliwöning, Ausgabe Ccedeke 110I- 
herczigung = Affekt bei Geiler; gesfleh = Verlangen bei Rulmnn Mcrswin; verwilligen = ein- 
willigen bei Geiler, der « Hüsc hertzigungen, die ein menscii empfindet, aber nit darumb darin 
verwilliget », entschuldigt (Jrrig Schaf 11, 2a); lüsten = gelüsten bei Braut: «Der hat worlich 
doreelit glast, wen hie die leng zu leben Inst» (Narrenschiff, Ausgabe Zurnckc 45); eben- 
mcnsch = Mitmensch, Nächster bei Tauler, Geiler und Brunt; mügen = ärgern etwa bei 
Geiler: «Es hat verdrossen und gemiigt die gesehriftgelerten» (Postill 2,40a); smochcit = 
Schmach bei Tauler und Geiler; sieehtag = Krankheit bei allen; verwidemen = weihen 
bestimmen bei Geiler, der von Christus spricht: « Jnderaals er menscii worden ist, und göttlich 
natur und menschlich natur also zusammen verwidemet und gemehelet scind worden in ein 
Person» (Postill 3, 95b); augenspiegei = Brille, beide bei Geiler usw. Schmidt hat nls Beleg- 
steilen zu den einzelnen Ausdrücken so viel wie möglich solche gewählt, die zugleich die 
Anschauungsweise und Redensarten des Volkes kennzeichnen. Obschon in dem ABC von Bruder 
Thomas die Empfindung breit und reich ausgedrückt ist, findet sich doch nur eine Anlehnung 
an eine sprichwörtliche Redensart: das scheele Auge der sechsten Schwester < wil stetes mit 
der geia zu in waid». Im ganzen ist die Sprache rein und edel wie hei unseren grossei 
Mystikern. 


y-\ 


Krankenpfleger- und Gesinde-Ordnungen des Grossen 
Spitals zu Strassburg aus dem 15. Jahrhundert 

Von Jakob Gabler 

Es steht noch in Erinnerung, wie sehr die Verwaltung des 
Grossen Spitals zu Strassburg Wert darauf legte, die geistliche 
Betreuung der Kranken und Sterbenden sicher zu stellen. In 
besonderen Ordnungen, die auch das Kleinste nicht übersahen, 
wurde der Aufgabenkreis der Spitalkapläne umschrieben und auf 
gewissenhafte Erfüllung der darin festgelegten Pflichten gedrängt 1 . 

In die Leitung der vielgestaltigen Spitalökonomie teilten sich in 
weiser Unterordnung die verschiedenen Beamten: Pfleger, Schaff¬ 
ner, Zinsmeister, Meisterin und Küsterin 1 . Ihr einträchtiges 
Zusammenarbeiten gewährleistete eine reibungslose Abwicklung der 
Geschäfte. In unmittelbare persönliche Fühlungnahme mit den 
Siechen traten aber nicht alle Verwaltungsorgane. Dies war 
Sache von untergeordneten Hilfskräften. Als solche begegnen uns 
in Sonderordnungen vorerst die Schwestern, dann der Siechen¬ 
knecht und schliesslich der Totengräber. 

Für den Dienst beim Kranken hatte man im Strassburger 
Grossen Spital viel Verständnis. Schwestern, die in älterer Zeit 
eine ordensähnliche Vereinigung bildeten, im Spätmittelalter aber 
nur noch den Namen führten, wirkten in Küche und Kranken¬ 
saal. Ihr Verhalten den Pflegebedürftigen gegenüber sollte von 
christlicher Liebe bestimmt sein. Warmes Mitfühlen sollte sie davon 
abhalten Kranke barsch anzufahren. Opferwilligkeit durfte durch 
keine Zuwendungen irgendwie geweckt oder gefördert werden, 
lieber die treue Einhaltung der Ordnung und die sittliche Füh¬ 
rung der Schwestern wachten Schaffner und Meisterin. 

1 Jakob Gabler, Bibliothekskatalog, Schatz Verzeichnis und Dienstanweisungen des Grossen Q 
Spitals zu Strassburg aus dem 15. Jahrhundert, in: ArchfElsKg 13(1933) 71-140. 

* Jakob Gabler, Die Ordnungen der Verwaltungsorgane des Grossen Spitals zu Strass¬ 
burg aus dem 15. Jahrhundert, in: ArchfElsKg 15(1041-42) 25-72, 








1>)Q I 


ARCHIV FÜR ELSÄSSISCHE 
KIRCHENGESCHICHTE 

im Aufträge der Gesellschaft für 
ELSÄSSISCHE KIRCHENGESCHICHTE 

HERAUSGEGEBEN VON 
JOSEPH BRAUNER 



SECHSTER JAHRGANG 

1 _ 9 _ 3 1 

Eigentum der Gesellschaft für Elsässische Kirchengeschichte in Strassburg im Eisass 
KOMMISSIONS - VERLAG VON HERDER & C<>, FREIBURG IM BREISGAU 
für Deutschland, Oesterreich und Nachfolgestaaten, Schweiz, Nordische Länder und 
Vereinigte Staaten von Amerika 


X 

l \$ 4- ' 

n 


Inhal ts-Uebersicht 


VII 


Inhatts-Uebersicht 


Die Benediktinerabtei St. Walburg im Heiligen Forst. Von L. P f 1 e- 

ger .. 1-90 

Das Gründungsjahr. Die erste Klosterzelle 3-7. Die Abtei und ihr 
rascher Aufstieg durch staufische Gunst 7-11. St. Walbuig und die 
Hirsauer Reform 11-13. St. Walburg als päpstliches Eigenkloster. Die 
päpstlichen Privilegien 13-19- Pas Verhältnis der Abtei zum Reich 19-23. 

Das Herrschaftsgebiet der Abtei 23-28. Zur Wirtschaftsgeschichte der Abtei 
28-31. Abt Burkhard von Müllenhcim 31-35. Die Abteikirche 35-38. Innerer 
Verfall. Die Bursfelder Reform 38-42. Der Untergang der Abtei 43-45. 

Regesten zur Geschichte der Benediktinerabtei St. Walburg 45-90. 

Die Abtei St. Walburg als Besitz der Pröpste von Weissenburg und 
Bischöfe von Speyer 1545-1684. Von EmilClemensSche- 
rer . 91-115 

Die Verwaltung der Abtei durch bischöfliche Vögte 91-106. Zustand 
St. Walburgs am Ende des Dreissigjährigen Krieges. Die Verpachtung 
der Abteigüter 106-115. 

Die Schicksale der Abtei St. Walburg von 1684 bis 1796. Ein Bei¬ 
trag zur Wirtschaftsgeschichte des Strassburger Priestersemi¬ 
nars. Von Emil Clemens Scherer . 116-188 

1. Der wirtschaftliche Wiederaufbau der Abtei St.Walburg und ihre 
Ausbeutung durch die Jesuiten 1684-1764: 124-162. 

Die Herrschaft St.Walburg, ihre Rechte und Freiheiten 127-135. 

Die Feldwirtschaft. Der Ertrag an Getreide 135-144. Der Ertrag der 
Weiher und Wälder 144-151. Die herrschaftliche Verwaltung 151-160. 

Seelsorge und Gottesdienst 160-162. 

2. St. Walburg nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu bis zur Fran¬ 
zösischen Revolution 163-188. 

Die Verwaltung von St.Walburg 166-171. Gotteshaus, Gottes¬ 
dienst und Schule in St. Walburg 171-177. Die Erträgnisse aus St. Wal¬ 
burg 177-182. Die Französische Revolution. St. Walburg als National¬ 
gut und dessen Veräusserung 182-188. 

Die Unbefleckte Empfängnis Mariä in der Predigt zweier Strass¬ 
burger Dominikaner und Geilers von Kaysersberg. Von F 1 o- 
renz Landmann . 189-194 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Gellerscher Predigttexte. 

Von L. Pfleger . 195-205 

Die Handschriften 195-203. Daniel Sudermann 203-205. 



4 





I 

i 


♦ Von den zwölf schefflin*. Eine unbekannte Predigt Geilers von 

Kaysersberg. Erstmalig herausgegeben von L. Pfleger.... 206-216 

Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen am Ende 

des Mittelalters. Von Florenz Land mann . 217-228 

«Mit Jesus in die Wüste gehen» 218-222. «Die geistliche Meerfahrt» 

222-228. 

Geilers Seelenparadies im Verhältnis zur Vorlage. Von Adolf 

Vonlanthen . 229-324 


Einleitung. Das Seelenparadies und seine Vorlage 229-239. 

1. Das Seelenparadies als Uebersetzung 239-265. 

Ziele der Uebersetzung und vergleichender Nachweis 239-259. Arten 
der Uebersetzung 259-265. 

2. Das Seelenparadies ab Kommentar 265-320. 

Feststehende Wendungen 266-269. Praktische Anwendungen und 
Kasuistik 269-274. Bestände aus Bibel, Patristik und Liturgie 274-280. 
Entlehnungen aus der Scholastik 280-292. Motive aus der Mystik 292-301. 

Anklänge an Humanismus und Predigtmärlein 301-308. Bildhaftig¬ 
keit des Stils 308-320. 

Schluss. Ergebnis 320-324. 

Die Seelsorgetätigkeit der Moisheimer Jesuiten von 1585 bis 1764. 

Von Medard Barth . 325-400 

Predigt und Katechese 328-342. Die Seelsorge im «protestantischen» 
Strassburg. Das Ende einer Legende 342 - 345 - Die Moisheimer Jesuiten 
und die katholische Restauration 346-35°- Reformwirken. Volksmissionen, 

Standes- und Privatexerzitien 35o- 3 6r. Die Pflege des Andachtslebcns 
361-371. Seelsorge bei besonderen Anlässen 371-375. Förderung elsäs- 
sischer Wallfahrten [Altbronn, Laubenheim, Neunkirch, Wiwersheim] 

375-386- Sakramentenempfang als Frucht der Seelsorgearbeit. Die natio¬ 
nale Zusammensetzung des Kollegs 3S6-390. Exorzismen und Bekämpfung 
des Aberglaubens 391-394. Verhältnis der Jesuiten zum Moisheimer Pfari- 
klerus und zum Bischöflichen Ordinariat 395-399. Nachtrag 423. 

Kleine Beiträge 

Der Kult der heiligen Elisabeth im Eisass. Ein Gedenkblatt zu ihrem 


700. Todestag. Von L. Pfleger . IX 

Eine Legende der hi. Attala, deren Handreliquiar und Kult. Nach¬ 
träge von M. Barth . 401 

Zur Geschichte der Primizleiern im Eisass. Von L. Pfleger . 404 

Das Fasten- oder Hungertuch im Eisass. Von M. Barth . 406 

Ein missverstandener Strassburger Messkanon vom Jahre 1507. Von 

L. Pfleger . 408 

Die Strassburger Synodalstatuten des Bischofs Erasmus von Limburg 

und Georg Wicelius. Von L. Pfleger. 410 
















y in Inhalts-Uebersicht 

Der Brand von Dompetcr im Jahre 174C. Von M. Barth . 413 

Der Strassburger Seminarist Pierre Cusscnot 1791. Von A. I< Im¬ 
men a u e r . 415 

Die religiöse Lage der Katholiken Colmars im Juni 1792. Von Jos. 

Brauner . 410 

Die St. Sebastianus-Kompagnie von Rappoltswciler. Von M. Stcehr 418 

Louis Bautain als Verfasser von Schulbüchern. Von L. Pfleger... 420 

Ein Beitrag zur Geschichte des Strassburger Ordo. Von F. R e i b e 1 422 


Die Molsheimer Jesuiten und das Strassburger Diözesan-Gesangbuch. 

Von M. B a r t h .'•. 423 


Der Kult der heiligen Elisabeth im Eisass 

Ein Gedenkblatt zu ihrem 700. Todestag. Von L. Pfleger 

Am 19. November 1231 starb die heilige Elisabeth; bereits am 27. Mai 
1235 wurde sie von Papst Gregor IX heilig gesprochen. Obschon sie eine der 
populärsten Heiligen des deutschen Mittelalters war, ist ihre Verehrung im 
alten Bistum Strassburg auffallend gering. 

Der im 16. Jahrhundert lebende Strassburger Chronist Daniel Specklin 
hat eine Notiz überliefert, die, wenn sie wahr wäre, für unser Eisass grosse 
Bedeutung hätte. Er schreibt nämlich: «Als die predigcrmönche, die bischof 
Heinrich in Strassburg gebracht, noch in ihrer klause wohnten, und S. Els- 
beth, eine geborene königin aus Ungarn, Iandgrafcn Ludwigs aus Hessen 
gemahl, auf S. Ottilienberg gewesen und zu Strassburg S. Atila und viel heilige 
oerter besucht, hat sie vor sechs jahren zwei platze erkauft, da die prediger, 
in dem einen vir männer, in dem andern vir frauen, sollten wohnen, und beide 
dem orden geschenkt»’. Leider ist diese Nachricht, wie so vieles andere von 
Specklin Gemeldete, eine unverbürgte Fabel. Keiner der zeitgenössischen 
Biographen der Heiligen meldet etwas Von ihrer angeblich im Jahre 1224 
erfolgten Reise ins Eisass und auf den Odilienberg. In seiner blühenden Phan¬ 
tasie hat der Chronist zwei Angaben aus Königshovens Chronik in seiner 
Weise kombiniert. Königshoven meldet kurz den Tod der heiligen Elisabeth, 
und zwar irrtümlich für das Jahr 1234, und schliesst unmittelbar daran die 
Tatsache von der Gründung des Strassburger Predigcrklosters: «Zu diesen 
ziten buwetent die Bredigere ja selber ein klostcr und kirche das ignote heisset 
tantElsebcth kloster uswendig Strosburg » J . Die Reise auf den Odilienberg, die 
Pilgerfahrt zu St. Attala in St. Stephan und die Schenkung von Gütern an den 
Dominikanerorden hat Specklin glatt erfunden. Mit diesem Orden hat St. Elisa¬ 
beth, die mit den Brüdern des hl. Franziskus, zu dessen Dritten Orden sie 
gehörte, aufs engste verbunden war, nie die geringste Beziehung gehabt. 

Um so mehr muss es uns wundern, dass gerade die Predigerbrüder ihren 
Kult zuerst ln Strassburg einführten, indem sie im Jahre 1238 ihre erste 
Klosterkirche der hl. Elisabeth weihten®. Diese Kirche stand damals vor den 

1 Rod. Reuss, Les Collectanees de Daniel Specklin [Fragments des anciennes chroniques 
d’Alsace, z. Bd.], Strassburg 1890 , 88 n. 884 . 1 Bei C. Hegel. Chroniken der deutschen 

Städte, 9 . Bd. Leipzig 1871 , 742 . * Charles Schmidt, Notice sur le Couvent et l'Eglise 

des Dominicaias de Strasbourg, Strassburg 1876 , 6 . 






183 


Emil Clemens Scherer 


kräftigen Käufer, dem Bürger Johann Schneider aus Landau, um 
25.336 Livres zugeschlagen. 

❖ 

Ueber die ferneren Schicksale der ehemaligen Abtei ist wenig 
mehr zu sagen. Sie wechselte noch mehrmals den Besitzer. Am 9. 
März 1801 verkaufte Schneider sein Besitztum an Johann Nepomuk 
van Reccum. Dieser starb jedoch schon mehrere Monate später, im 
Oktober 1801, und aus seinem Nachlass ging das Gut am 12. Oktober 
1805 in die Hände des Hagenauer Kaufmannes Michael Peter Saglio 
über, der auch die alten Abteiwaldungen wieder erwarb. Saglio war es, 
der die Abteikirche der Gemeinde Walburg schenkte und sie auf diese 
Weise vor der Gefahr der Profanierung bewahrte, der in jenen stürmi¬ 
schen Zeiten so manche alte Klosterkirche verfiel. Michael Ignaz 
Saglio, der Sohn des vorigen, starb 1878 ohne männliche Erben. 
Walburg ging daher auf seine älteste Tochter, die Frau des Barons 
Achilles Charpentier über. Des letzteren Sohn Florenz Charpentier 
verkaufte das alte Klostergut im Jahre 1890 an den deutschen Indu¬ 
striellen I laniel. Dreissig Jahre später, nach dem Weltkriege, gelangte 
es wieder an einen Nachkommen der früheren Besitzer zurück, in 
dessen Hände es sich heute noch befindet 1 . 

1 Vgl. Germ. Wenger-Charpentier, L’abbaye de Sainte-Walpurge, in: La Vie en Alsace 
1930, 110-115. 


Die Unbefleckte Empfängnis Mariä in der Predigt 
zweier Strassburger Dominikaner und Geilers von 
Kaysersberg 

Von Florenz Landmann 

Der Kodex Ms. germ. 4° 434 der Berliner Staatsbibliothek (35 
Papierbll., 15. Jh.), aus dem Besitze des Strassburger Arztes Daniel 
Sudermann (um 1600) 1 , ist ein Sammelband von Resten älterer Kodizes 
•und enthält folgende Stücke in elsässischer Mundart: 

1. Mechtildis von Hackeborn: Liber specialis gratix, in Uebersetzung, 
Anfang und Schluss fehlen; Bll. 1-24». — 2. Zierer, Johannes, Lesemeister und 
.Beichtvater zu St. Nikolaus in undis in Strassburg: Predigt am Tago von 
Mariä Empfängnis 1479, Anfang fehlt; Bll. 25-31. — 3. Eino Notiz über den 
Streit um die Unbefleckte Empfängnis; Bll. 31-32». — 4. Eine Antwort des 
Bruders Thomas auf einen Verweis * Schaffners Göli, des Alten»; Bll. 33-35*. 

Das Stück 3 ist — bis auf den Zusatz am Schluss — am 
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts von derselben Hand geschrieben 
•wie Stück wahrscheinlich in einem Strassburger Frauenkloster 
und nach einer Vorlage, die der Schreiberin von einem Geistlichen 
zurecht gestellt worden war. Die zwei Stücke verdienen allgemeinere 
Aufmerksamkeit als Illustrierung und Ergänzung dessen, wasL. Pfleger 
über den Streit um die Unbefleckte Empfängnis Mariä in Strassburg 
am Ende des Mittelalters hier ausgeführt hat*. 

1 Ich verdanke die nähere Kenntnis der Handschrift der gütigen Vermittlung von 
.Herrn Professor Dr. Medard Barth in Strassburg. 

1 Vgl. H. Degcring, Kurzes Verzeichnis der germanischen Handschriften der Preussi- 
sehen Staatsbibliothek, II. Die Handschriften in Quartformat [Mitteilungen aus der Preussi- 
schen Staatsbibliothek, 8. Heft], Leipzig 1926,78. . 

* Luz. Pfleger, Die geschichtliche Entwicklung der Marienfeste in der Diözese Strass¬ 
burg, in: ArchfElsKg 2(1927) bes. 47 ff. Franziskanische Predigtstoffe, in denen die 
•Lehre- vorder .-Unbefleckten Empfängnis Mariä oder aber ihrer Heiligung behandelt. wird, 
siehe b^i Fl.. Landmann, Die spätmittelalterliche Predigt der Franziskaner-Kohventualen 
nach den andschriften’der Ko’nsistoriälbibliothek zu-Colmar, in: ArchfElsKg 5 ^ 93 °) 
S. 31 (Cod. 90,2), 52 (Cod. 1678,2), 57 f (Cod. 1940,5.10) und 65 ff (Cöd. 1952,1.15). 





190 


Florenz Landmann 


1. Das erste Stück, eine Predigt, trägt am Schluss (Bl. 31) die 
Bemerkung: «Disse bredige het gedon der erwürdige lesemeister 
vatter Johannes Zierer, bihter der andechtigen swestren zü Santen 
Matheus vnd zü Santen Nicolaus in undis zu Stroßburg, brediger 
ordens, vff dz hochzit concepcionis beate Marie. Anno domini MIIII 0 - 
LXXIX jor». Die Frauenniederlassung St. Nikolaus in undis gehörte 
seit 1431 zu den von Schönensteinbach aus reformierten Dominikane¬ 
rinnenklöstern. Wir haben also in dem Lesemeister und Beichtvater 
Johannes Zierer, der dort 1479 am Feste Mariä Empfängnis predigte, 
ein Mitglied des Dominikanerordens zu sehen. Nach dem Registrum 
litterarum des Ordensgenerals in Rom war er am 15. Januar 1478 vom 
Lektorat des Konvents in Ulm auf diesen Posten berufen worden 1 . 
Aufbau und Inhalt seiner Predigt sind ganz dominikanisch. 

Obschon der Anfang fehlt, geht aus dem Ganzen doch hervor, 
dass der Vorspruch lautete: Nondumerantabyssietegoiamconcepta 
eram, Prov. 8,24. Die Anwendung auf Maria, immer im Verein mit 
ihrem Sohne, macht der Prediger grosszügig und kühn in der Ein¬ 
teilung: «Zü dem ersten ist sü empfangen götlich, zü dem andern 
engelschlich, zürn dritten mo e nschlich, zü dem Vierden schrifftlich 
vnd zü dem fünfften mütterlichen» (Bl. 25 v ). Die Ausführung dieser 
Punkte ist kurz und eilt rasch vorwärts; abgesehen vom ersten Punkte 
enthält sie keine Unterabteilungen. Zur Erklärung der vier ersten 
Teile schickt der Prediger voraus, dass hier unter Empfängnis ein 
geistiges Empfangen gemeint sei: «Also wz ein verstentlich wesen, 
gescho e ppfet oder vngescho 8 ppffet, ernstlich fürnimet jn siner ver- 
stentniß, vnbewegelich, dz wurt genant ein enphohunge». 

So hat Gott von Ewigkeit her den unbeweglichen Willen gehabt, 
in der Zeit zu erschaffen «ein heiliges jungfrowelin, die do wer ein 
müter sines eingeboren süns, ein kamer des heiligen geistes, ein porte 
des paradyses, ein künigin der himelen vnd ein versünerin alles 
mo e nschlichen geschletes 3 » (Bl. 26). Wie sie in zehn Stücken wieder 
gut machen sollte, was Eva gefehlt, das wird hier des längeren aus¬ 
geführt. So konnte sie sagen: «eb die abgrund gemäht wurden, do 
wz ich enpfangen, dz ist göttlichen in siner ewigen fürbildunge »(B1.27). 

■ Vgl. D. M. Reichert, Registrum litterarum 1386.1480 [Quellen und Forschungen 
■zur Geschichte des Dominikanerordens in Deutschland, 6. Heft], Leipzig ton.tzi. 

3 Es-sind dies Anklänge an-das dem Papste Sixtus IV Zugeschriebene Ablassgebet 
das Pfleger aaO. 53 zitiert. 


Die Unbefleckte Empfängnis in Strassburger Predigten 


191 


Die zweite Empfängnis Mariä war, als ein Teil der Engel mit 
Luzifer, dem höchsten Geschöpfe Gottes, gefallen war und Gott 
dem andern offenbarte, dass er sie durch Maria und die Menschen 
ersetzen werde: «Do enpfingen die heiligen engel die verheissunge 
jn jr gedehtniß vnd dz jungfrowelin in jr liebe mit grossen fro e iden 
vnd lopten got den herrn» (Bl. 28). — Die menschliche Empfängnis 
fand nach dem unglücklichen Falle Adams und Evas statt, als Gott 
Feindschaft setzte zwischen der Schlange und dem Weibe: «Do wz 
ich enpfangen jn den herczen der ersten eitern» (BI. 29 T ). —Damals 
gab es noch keine Heilige Schrift, aber nachher folgte die «gesehriff- 
liche » Empfängnis, indem Maria in den Weissagungen der Propheten 
und den Vorbildern des Alten Testamentes von dem auserwählten 
Volke erkannt wurde. 

Endlich die fünfte, eigentliche,«mütterliche» Empfängnis. Joa¬ 
chim und Anna haben ihr Kind von Gott erworben durch Gebet 
und Almosen, und, was wuchtiger ist, diesKind wurde bei der Empfäng¬ 
nis auch gleich geheiligt, weit mehr geheiligt als Jeremias oder Jo¬ 
hannes der Täufer oder irgend ein Heiliger. Hier erkennen wir den 
Dominikaneri Der Prediger erwähnt mit keinem Worte die Erbsünde, 
von der Maria bewahrt worden wäre. Er stellt den Vorgang von der 
positiven Seite dar und nennt als Festgeheimnis die Empfängnis 
und ausserordentliche Heiligung Mariens. Doch fügt er gleich, wie 
um sich zu entschuldigen, hinzu, dass von einer gnadenlosen Emp¬ 
fängnis keine Rede sein könne, sondern als die Seele Mariens erschaf¬ 
fen und mit dem Leibe vereinigt wurde, sei sie auch gleich mit dem 
Flusse aller Gnaden übergossen und mit allen Tugenden erfüllt worden. 

Um einen Vergleich mit anderweitigen Aeusserungen zu ermög¬ 
lichen, sei dieser ganze fünfte Punkt der Predigt nebst ihrem Schlüsse 
hier wiedergegeben (Bl. 30 v ): 

«Die fünfltc enpfohungo der seligen jungfroweMarie ist mütcriichc, vnd 
die ist drüvaltiklichcn gewürdiget 1 : 

Züm ersten so ist die selbe mütcriichc enpfohungo von got erworben gar 
andehtiklichcn vnd wirdiklicli; wenn jr cltrcn Joachim vnd frowc Anna heilik- 
lichcn lep.ten xx jor vnd got cmczklichon boten vmb ein frucht, vnd also mit 
gebott vnd almüssen erwurbent sü die selige frucht von got. 

Zü dem andren so ist sü gar hochwürdoklichen gcheiligot worden, vnd die 
selbige enpfohungo vnd gcheiligungc begot die heiligen kristelich kirch also 

1 Es sind im folgenden aber nur zsvei Punkte ausdrücklich angeführt. 



192 


Florenz Landraann 


hüt hochzitlich, wenn sU vorro (= weit) würdiger ist denn dio gcheiligungo 
Jhcremie oder sant Joliannes Baptista noch keins heiligen. 

Nit bogont wir die enplingniß, die nit gnoden enpfenglichen ist, sunder 
dio enpfengniß, do dio niaterie geschickt wz vnd die selc geschaffen wart vnd 
dem übe zft geffiget, do het sü der fluß der gnoden übergossen, also geschribcn 
stot: fiuminis impetus, der fluß der Wasser hot orfro«wet dio stat gotz 1 . (BI. 31) 
Jo, der fluß aller gnoden het Vbergossen vnd erfrewet die seien der jungfrowen 
Mario vnd sü erfüllet mit allen fügenden. 

Sü wolle vnß erwerben von jrmc geminton sün Jhesu Christo reinigunge 
von allen vnsren sünden und gcheiligungo vnsers lebens vnd die bcsiczung 
dos ewigen lebens. Amen». 

2. Mit diesem Prcdigtschluss wollte sich nun derjenige, der das 
Stück zur erbaulichen Lesung für die Klosterfrauen zunächst herge¬ 
richtet hat, vielleicht ist es Zierer selber gewesen, nicht begnügen. 
Der Streit, ob Maria ohne die Erbsünde empfangen sei oder nicht, 
war nämlich unterdessen neu aufgelebt. Im Jahre 1483 verurteilte 
Sixtus IV die Lehre einiger Dominikaner, dass die Immaculatadoktrin 
häretisch sei; er verbot aber zugleich auch, die cMakulisten» als 
Ketzer zu behandeln 2 . Man musste den Schwestern, von denen sicher 
manche auf dem Laufenden waren, über den jedes Jahr neu wieder¬ 
kehrenden Festgegenstand bestimmteren Aufschluss geben. So fügte 
denn unser Sammler an die Predigt Johann Zeilers eine Erklärung, 
die auf den Streit näher eingeht. 

Erstens stellt er fest, dass die theologischen Lehrer in diesem 
Punkte geteilter Meinung seien. Dann berichtet er, wie sowohl das 
Konzil von Konstanz als auch das von Basel zunächst vergeblich 
um eine Lösung der Streitfrage sich bemüht hätten. Drittens legt er 
die Stellung dar, die dem schlichten Christenglauben damals geboten 
war. Er benutzt dabei die Worte Meister Gerhards vom Predigerorden, 
der in Gelehrsamkeit am Rheinstrome seines Gleichen nicht gehabt 
und zu Strassburg auf der Kanzel seine Meinung kundgegeben habe. 
Es ist hier wohl der Meister Gerhard gemeint, Beichtvater in St. Ni¬ 
kolaus, von dem Pfleger seinerzeit zwei Strassburger Predigten aus 
dem Jahre 1434 bekannt gemacht hat 3 . Er könnte identisch sein mit 
dem Gerhart Hel, der 1429 zu den zwölf Ordensgenossen gehörte, mit 
denen Johannes Nider den Baseler Konvent reformierte, und der 


1 Ps. 45,5. * Pfleger aaO. 55. 

. 8 Luz. Pfleger, Zur Geschichte des Predigtwesens in Strassburg vor Geiler von Kaysers- 
berg, Strassburg 1907,52 f. 


Die Unbefleckte Empfängnis in Strassburger Predigten 193 

daraufhin Beichtiger der Schwestern von Steinen zu Basel wurde 1 : 
er hätte also nachweisbar an drei Stellen am Bheine gewirkt. 

Hier der Wortlaut dieser Erklärung. Sie legt Zeugnis ab von der 
Mässigung, mit der man damals in Predigt und Erbauungsbüchern 
die von den Gelehrten umstrittene Frage immer noch behandelte 
(Bl. 31): 

* Von dissem minneklichen hochzit der enpfengniß vnser lieben frowen 
ist groß zweigunge vnd vnglich wenimge vnder den heiligen go«tlichen lereren. 
Ein teil wcllcnt dz sü on alle erbesündc cnpfangen sü. Die andren halten, dz 
sü in erbesünden cnpfangen sy, aber gar balde dar von gereiniget vnd geheiliget 
in müter libe; verre e gereiniget vnd me vnd großlichcr geheiliget, denn sant 
Johannes Baptista vnd alle ander, die je jn müter libe geheiliget wurdent, 
also dz wol billichen vnd zimlichen wz. Vnd jeglicher teil flisset sich, sin 
wenunge vnd lialtunge zübeweren, züvestenen vnd zu bestetigen. (Bl. 31) v : 

Vnd in dem Conscilio, dz zü kostenczen wz jn dem jor, do man zalte von 
Christus gehurt MCCCC vnd X, etwas me, do wart disser artickel für genuminen 
zfi erkleren, wcller teil zü halten wer. Aber es wart nit zu ende brocht, vnd 
do noch jn dem conscilio, dz zu basel gehalten wart, do wart aber hie von trac- 
tiert vnd wart aber milteklichcn nider gelossen. 

Vnd in den selben ziten wz ein lesemcister brediger ordens, Gerhardus ge¬ 
nant, zü stroßburg by einem frowen closter der obseruancien bichter. Von 
dem selben lesemeister ein rüff wz, dz sinen glichen jn kunst go e tlicher ge- 
schrifft jn Rinschem ström nit wer, vnd doch vß demütikeit wolte er nit doctor 
werden. Disser lesemeister sprach an offener kanczcl: 

Ich ho're sagen, man welle jeczunt jn dem conscilium zü basel schloßlichen 
vß tragen, ob die müter gottes jn erbesünden oder on erbesünde enpfiyigen 
syge. Aber ich glo v be nit, sprach er, dz dis kein lerer gedün müge vnd dz ßü 
sich dor jnn vergebens arbeiten. Wann dz ist ein sach oder ein artickel, den got 
jm selbs behalten het zü wissen, also etliche ding mc, die got jm sclbs behaltet. 
Dis ist nit ein artickel christliches gloubens, dz der mo e nsclio schuldig sy 
(Bl. 32) eines oder dz ander hie von zü halten, sunder eß sinnt allein wenunge 
der heiligen go e tlichen lerer. Dor vmb enpfelc es der mo e nsche got. Wenn 
wir dorthin jn die selikeit kummen, do werdent wir es alles klerlichen vnd 
öffenborlichen erkennen. 

Hier vmb so sollent die schleten, einvaltigen, vngelerten mo e nschen 
sich nit lossen bekümeren die vnglicheit der rede, so in dissem hochzit vnd 
jn disser Sachen gefürt wurt, wenn es nit ein artickel cristelichhes glauben ist. 
Dor vmb, welliches teil der mo e nsche gütiklichen, milteklichcn vnd schlctck- 
lichen haltet, dor jnn düt er nit vnreht. Aber doch dz merer teil der aller bc- 
wertesten lerer, also sante Augustinus vnd sant Bernhardus, die wellent dz 
sü in erbesündc cnpfangen sy. Vnd dor jnnc ist jr kein vnere zü geleit^ wenn dz 

1 Vgl. darüber Johannes Meyer, Ord. Preed., Buch der Reformacio Predigerordens, 
hrsg. Von B. M. Reichert [Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens 
in Deutschland, 3 . Heft], Leipzig 1909,74 f. 


13 



104 


Florenz Landmann. 


ist ein priuilegium, dz allein dein herren Christo zu gcho'rt, der von dem 
heiligen geist enpfangen vnd von einer reinen jungfrowon geboren ist*. 

3. Der Streit um die Unbefleckte Empfängnis muss, nachdem 
diese Notiz geschrieben war, auch in Strassburg höher aufgelodert 
sein, vielleicht als seit dem Jahre 1493 die Schriften Wimpfelings 
und Sebastian Brants erschienen 1 . Denn auch die obige Erklärung 
wurde nun nicht mehr als genügend erachtet, und eine andere Hand 
hängte ihr folgende Zeilen an, in denen auf eine Predigt Johann 
Geilers von Kaysersberg® aus dem Jahre 1481 hingewiesen und der 
von ihm ausgesprochenen gegenteiligen Meinung beigepflichtet wird: 

«Hie noch wart disser arttückel aber gehandelt vnd her für gezogen jn 
dem vorgemellten concilium zü basel, vnd (Bl. 32») ist beschlossen vnd vß 
gesprochen worden jn dem selben concilium, das man halten vnd glo v bcn sol, 
dz die würdige mfttter gottes on alle erbsind enpffangen ist, als cs offelich 
gebrediget het ein hochgclorter vnd gar ein glo T pwirdiger docter, genant 
meister Johanes Geiler von Keissersperg, jn vnser lieben frowen mynster 
zü stroßburg jn dem jor, do man zalt von Christus gebürt MCCCCLXXXI. 

Der selbe docter sprach, daz ein jeder mo'nsch zü disser zit schuldig 
wer zü glo v bcn by einer dot sinden, das die würdige möter gotes on erbsind 
enpffangen ist. Wen dz concilium mag nit feien; was dorin gehaltten oder 
verworffen wurt, sint wir schuldig mit zü halten vnd zü verwerffen, doden 
es haltet vnd verwürffet die meister der heylgen cristenheit. 

Er sprach o v ch jn der selben bredig: Sanctus Thomas de Aquino sprichet 
offelich, sy syg jn erbsinden enpfangen; aber wer er jeczcndan hie, so hielt 
er es mit der heiligen cristenheit*. 

Geiler hat seine Dompredigerstelle 1478 von Basel aus ange¬ 
treten. Dieser Zusatz zeigt, wie er schon bald darauf im Gegensatz 
zu der Auffassung der Dominikaner die Entscheidung des Baseler 
Konzils vom Jahre 1439 als verpflichtend erklärte. Vielleicht sind die 
Blätter unserer Handschrift auch 1481 gleich geschrieben worden, 
also noch vor der Entscheidung Sixtus’ IV von 1483 und vor den 
Schriften "Wimpfelings und Brants. Sie bieten uns jedenfalls in span¬ 
nendem Zusammenhänge drei Strassburger Predigtzeugnisse Uber 
die Unbefleckte Empfängnis Mariä aus bewegter Zeit, die zwei ersten 
von den Dominikanern Gerhard (Hel?) und Johannes Zierer, das 
dritte von Geiler von Kaysersberg. 

1 Vgl. Pfleger, Marienfeste aaO. 49.54-61. 

* Ueber Geilere Stellung zur Immakulatadoktrin siehe ebd. 51-53. Geüer predigte den 
Schwestern zu St. Nikolaus in undis u. a. 1389 und 1495. Vgl. L. Pfleger Zur hand 
schriftlichen Ucberlieferung GeUerscher Predigttexte, in: ArchfElsKg 6(1931) unten S 198 



Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher 
Predigttexte 

Von L. Pfleger 


Als im Jahre 1912 die « Gesellschaft für Elsässische Literatur», 
die nach dem Kriege einging, den Plan einer kritischen Gesamtaus¬ 
gabe von Geilers Predigten und Werken fasste und mich mit der Ober¬ 
leitung betraute 1 , betrachtete ich cs als erste Aufgabe, Nachforschun¬ 
gen nach noch ungedruckten Geilerpredigten zu halten. Diese Nach¬ 
forschungen waren auch nicht erfolglos. An Originalmanuskripten 
des Predigers war allerdings nicht zu denken. Was er an solchen über¬ 
haupt besass, ist nach seinem Tode spurlos verschwunden. Es konnte 
sich also nur um Niederschriften von Zuhörern oder Zuhörerinnen 
handeln. Dank diesen sind uns ja die meisten der gedruckten Predigten 
erhalten geblieben 2 . 

Leider sind bei dem Brande der Strassburger Stadtbibliothek 
im Jahre 1870 drei Brände solcher Niederschriften zugrunde gegangen, 
die viele Inedita enthielten, so Predigten vom « Absterben der sched- 
lichen Glüsten» von 1496, «Underweisung der andächtigen Menschen», 
«Predigen vom lebendigen Holz», « Geistliche Vastnachtsküchlin», 
«Von sieben Steinen der geistlichen Höllen» und eine Reihe anderer 
Predigten aus den Jahren 1490, 1495, 1499 und 1502; ferner eine 
« Güldene Regel geistlicher Menschen, geschrieben und gegeben dem 
Konvent der Ruwerinnen zu Strassburg 1492». Wie schade, dass vor 
dem Brande niemand diese Schätze gehoben und Abschriften ge¬ 
nommen hat®. 


. y Ersten Jahresbericht der Gesellschaft für Elshssische Literatur, Strass- 

■ „ . 912, 1 * -. * v gl- darüber L. Pfleger, Der Franziskaner Johannes Pauli und 

seine Ausgaben Geüerächer Predigten, in: ArchfElsKg 3(1928)46^,6. 

• , . . *© .Künde davon verdanke ich einzig den Notizen, die Haencl für seinen Sammel- 
kataiog genommen hat; vgl. G. Haenel, Catalögi librorum ms. qui in bibliothecis Galliae, 
Helvetiae, Belgu, Britannias.. asservanttir, Leipzig 1830,466 f. 






196 


L. Pfleger 

Diese letztgenannte «Güldene Regel» ist noch in zwei Hand¬ 
schriften erhalten: in Cod. P. pap. 47 der Badischen Landesbibliothek 
zu Karlsruhe, unter dem Titel « Gerson, Undcrwisung der menschen 
im Gotsdienst, zu tütsch brocht durch Joh. Geiler von Keissers- 
perg im Jor 1492». Ausserdem enthält diese Handschrift noch Pre¬ 
digten von 1495 und 1496. Eine andere Karlsruher Handschrift 
P. pap. 46, enthält ebenfalls Geilerpredigten aus den Jahren 1493 
und 1497. 

Die zweite Handschrift, in welcher die « Güldene Regel» steht 
ist der Berliner Cod. germ. 4» 164. Neben einer Anzahl geistlicher 
Traktate und Predigten, die den Franziskanerobservanten Heinrich 
Vigilis von Weissenburg zum Verfasser haben und welche dieser zum 
teil im Kloster Alspach gehalten hat, steht von BI. 284-305: « dissc 
lere hat der hochgelerte und andechtige lerer und doctor mit namen 
her Johannes von Kcisserssperg, bredicator im hohen stift, ge- 
schnben Anno domini mccccxcii und geendet an saut Anthonie 
dag des heiligen einsydels und sint genannt die güldene regel geist- 
licher menschen». Wir haben es hier mit einer deutschen Adaptierung 
einer Schrift des Pariser Universitätskanzlers Johannes Gerson, 
eines Lieblingsschriftstellers Goilers, zu tun. Dieser hat den Traktat 
für Schwestern übersetzt, wie aus folgenden Einleitungssätzen des 
Traktats hervorgeht: 

«Der cristenliche entslossen tröstliche lerer Johannes Gerson 
doctor der heiligen geschrifft, etwenn kantzier der hohen schul zu 
Pariß, het etliche tractat gemacht in französischem welsche, vast 
nütz denen, die daz lattin nit verstont. Sind dieselben durch etliche 
m lattin broht, deren nemlich einer ist, den er gcscliricben hat zu 
underwisunge der nüwen und erseht anvohenden mönschen, wie sv 
sich m leren übungeii bescheidenlichen und behüttsamlichen halten 
sollen, daz jnen nit schad der ußwachß. Sittcnmal aber nün ir in got 
myu lieben swestern weder lattin noch welsch Version, hab ich den¬ 
selben tractat disse heilige zit von dem lattin zu dem dütschen braht 
und so verre ich das hab zu wegen mögen bringen, wenn als wenig 
der in von welsch in daz lattin brolit het, möht in allen wortten die 
eigenschaft behalten, alß wenig hab ich daz dfln mögen vom lattin in 
daz diitsch. Doch ist der sinn, also ich mein, ganz bliben und die' 
worheit unverruckt. Ich hab öch jn underscheiden mit tüttlen und 
rubricken wütter [sic! weder ich funden hab, üch z& derer under- 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 197 

richtung und luchter zu finden, was üch füglich dünken wart. Wellent 
mir imtdeilen üwer gebet gegen got unsern herren, daz sin wil mit 
uns allen hie geschehe und in zit und ewigkeit, Amen». 

Das ist also ein richtiges, persönliches Vorwort Geilers, und wir 
haben hier eine der wenigen erhaltenen, von ihm seihst verfassten 
.Schriften vor uns. Die Schwestern, an die sie gerichtet ist, sind nach 
der genaueren Angabe der von Hamei verzeichneten Strassburger 
Handschriften die Reuerinnen des Strassburger Magdalencnklosters, 
dessen Beichtvater Geiler wart. Zu bedauern ist nur, dass wir nicht 
den Geilerschen Originaltext vor uns haben, sondern nur eine Ab- 
•sclinft mit ziemlich verwahrloster Schreibweise, wie ich feststellen 
konnte. Immerhin sind wir dadurch um eine uiiedierte Geilerschrift 
reicher. Der Codex ist offensichtlich im-Kloster Alspach geschrieben 
Worden. Wir ersehen daraus, dass sich die Frauenklöster die Gciler- 
schen Traktate und Predigten mitteilten. Das ergibt sich noch aus 
andern mit bekannt gewordenen Handschriften. 

So aus Cod. 294 der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek 
zu Donaueschingen, einem noch dem 15. Jahrhundert angehörenden, 
aus dem Dominikancrinnenkloster Pforzheim stammenden Sammel¬ 
band mit Geilerpredigten, die allerdings bekannt sind: er enthält die 
Predigten «Von der geistlichen bilgerschaft» und der «geistlichen 
Spinnerin», welch letztere in dem mehrmals aufgelegten « Granat¬ 
apfel » abgedruckt ist 2 . Die «bilgerschaft» umfasst hier 23 Predigten, 
und es wäre von Interesse festzustellen, oh es sich hier um Nieder¬ 
schriften der Originalpredigten Geilers über diesen Gegenstand han¬ 
delt, und inwieweit sie sich mit der von Geiler selbst bearbeiteten 
lateinischen Fassung des «Peregrinus »’ und der von seinem Amanu- 
ensis Jakob Other ziemlich frei behandelten «Christlich Bilger¬ 
schaft »• berühren. Den Schluss des Pforzheimer Sammelbandes 
uden vier weitere Predigten Geilers, die noch einer näheren Unter¬ 
suchung bedürften. 

/P’ 0 “£ eistliche Bilgerschaft» ist auch enthalten in Cod. germ. 
r i i U ' ller *' 11 ' 1 -455). Dann folgt (Bl. 458) eine Predigt, welche 

Keiler hielt «den geistlichen mütteren zu Sant Matheus und S. Ni- 
co aus in undis zu Stroßburg uff den Dag der würdigen jungfrauwen 

Strassburg GeÜCr Von Kaysersbcr S und das st - Magdalenenkloster in Strassburg, 

„ ,.\? ehe L r,ac l le “W Les plus anciens Berits de Geiler de ICaysersbcrg, Colmar 1882, 
n. 44-46. Ebd. n. 57. * Ebd. n. 55. . 




198 


L. Pfleger 


Saut Ursula anno domini mcccclxxxxv und seit von dem geist¬ 
lichen Sterben». Diese ist wohl identisch mit der Predigt de morte 
virtuali sive grat ; re in den Sermones prestantissimi 1 . 

In der Berliner Handschrift Ms. germ. 8" 63 findet sich eine 
Niederschrift der Predigtserie von der «geistlichen Spinnerin», 
von der eine Version im « Granatapfel» abgedruckt ist 2 . Sie hat in 
unserer Handschrift den Titel «Geistliche Kunckel», und ihre Ein¬ 
leitung ist sehr charakteristisch für die Art und Weise der Entstehung 
dieser Niederschriften begeisterter Hörerinnen; sie gibt uns zugleich 
eine Gewähr für die Echtheit des Inhalts, wenn auch die rednerische 
Gewalt und Eigentümlichkeit des Predigers dabei nicht voll zum Aus¬ 
druck gelangt. Die bescheidene Schreiberin hat dies auch klar genug 

angedeutet. Der interessante Passus lautet (Bl. 48): 

«Hie hebet sich an ein gütte 1er, in der ein jeglicher mönsche 
vindet arzenüge siner seien. Er sy ein anvohender, ein zunemender, 
ein angevohter oder ein volkumender mönsche... und wurt disse 
materie fürgegeben under der Gestalt einer geistlichen kunckelen, 
an deren die andechtige sele ir selber sol spinnen den mantel gütlicher 
liebe, und het disse 1er geton ein hocligelerter und gar ein gelopter 
würdiger doctor genant docter Johannes Geiler von keisersperg den 
andechtigen geistlichen kinden zu sant Matheus und Sant Nicolaus 
an den unden im jor do man zalt von Christi unsers lieben hemm 
gebürt mcccclxxxix jor. — Aber [Bl. 48 v ] also unglich ein ge- 
moltcr und ein lebendiger mönsche einander sint, also unglich liitet 
die dote geschrift gegen den lebendigen Worten, also sy usser sinem 
munde gingen, wan die genode und daz für des heiligen geistes, daz 
do ussging mit den lebenden Worten, mag nüt ussgetrucket werden 
in die büstaben, aber uff begir andcchtiger hertzen ist diese 1er geschri- 
ben worden also vil es mügeliclien ist gesin diser krancken und ein- 
valtigen person noch also sy es het gehört usser sinem munde». — 
Der Text, der bis Bl. 68 geht, ist leider unvollendet. Nicht unwichtig 
ist auch der Eingang der Predigt, der die stereotypen Einleitungs¬ 
worte Geilers genau wiedergibt: «Die uncrgrinlichc barmherzigkeit 
got unsers himelschen vatters, der köstliche verdienst des smertz- 
lichen lydens unsers lieben herren Jesu Christo müß üch und mir 

1 Siehe L. Dachcux, n. 61. Vgl. zur Sache auch A. Hoch, Geilers von Kaysersberg 
«Ars moriendi» aus dem Jahre 1497, Freiburg i. Br. 1901, 59 Anm. r. 

* Der Codex L germ. 71 der Landesbibliothek zu Strassburg entltält ebenfalls den 
« geistlichen Spynnrocken ». 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Tredigttexte 


199 


erschinnen in unsern lesten noten, wer daz begert von hertzen sprech 
amen. Allerliebste brüder und swesterne in dem herren Jesul Die 
wort die ich für mich genummen hab in latiu». 

Eine weitere, im Jahre 1498 geschriebene Berliner Sammelhand¬ 
schrift, Cod. germ. 2» 88, hat Bl. 218-255* von Geiler die Predigtserie 
«\on nünerhande frucht eines geistlichen closterlebens », die in den 
« Predigen teutscli » gedruckt vorliegen 1 . Ausserdem wird in unserer 
Handschrift noch eine Predigt von « einem lauteren Gewissen» Geiler 
zugeschrieben (Bl. 255 T -260 V ). Der Besitzer der Handschrift, Daniel 
Sudermann, von dem noch zu reden ist, bezweifelt in einer Randbe¬ 
merkung die Atuorschaft Geilers und möchte sie Tauler oder Suso 
zu schreiben. Sie scheint mir für Geiler auch reichlich mystisch 
zu sein. 

Damit ist aber der Reichtum an 'Geileriana der Berliner Hand¬ 
schriften noch nicht erschöpft. Eine der wertvollsten für uns, da sie 
mehrere Inedita birgt, ist Ms. 4° 1112. Hier finden wir eine Reihe von 
Predigten, die Geiler im Jahre 1488 zu Augsburg gehalten hat, wohin 
ihn der mit ihm engbefreundete Bischof Friedrich von Zollern 2 be¬ 
rufen hatte. Die Handschrift muss, wie aus der sprachlichen Form 
geschlossen werden kann, in Ausgburg selbst entstanden sein. Eifrige 
Hörer oder Hörerinnen schrieben die Predigten aus dem Gedächtnis 
nach. Dass es sich um echte Geilerpredigten handelt, können wir 
aus einem wichtigen Bericht eines Augsburger Zeitgenossen aus 
Bischof Friedrichs Umgebung feststellen. Danach ritt Geiler in Augs¬ 
burg ein am Freitag vor Michaelis 1488. Von Michaelis bis zum Tag 
der Unschuldigen Kinder predigte er fast alle Tage. Die Gegenstände, 
über die er predigte, hat der Beobachter genau festgehalten: Das Abc, 
die Eigenschaften des Pilgers, die zehn Gebote, von den sieben Tod¬ 
sünden 3 , von den zehn Staffeln; im Advent predigte er alle Tage zu 
St. Johann über das Thema: venite ascendamus ad montem domini 
(es sind die Predigten, die unter dem Namen «von dem Berg der 
schowung» bekannt sind). Am Weihnachtstag bis zum Johannestag 
zeigt er, wie man einen Lebzelten macht, und nach dem Tag der 

| Siehe Dacheux n. 36; die Predigten stehen Bl. 71V-86*. 

» . Tr ir . s ^?^ Geiers Verhältnis zu dem Augsburger Bischof gut unterrichtet 

,. n * . enzel. Geiler von Kaysersberg und Friedrich von Zollern, in: Zeitschrift für 
die Geschichte des Oberrheins 40(1916)61-113. 

a ha * der Chronist sogar eine ihm auffallende Geste des Predigers festgehalten: 

« e gu a macht er ein hand mit yetlichen finger wie der tewffel ein griff in die kelen». 



200 


L. Pfleger 


Unschuldigen Kinder hielt er noch zwei Predigten von der Eigen¬ 
schaft der Kinder 1 . 

Von den hier genannten Predigten sind gedruckt « von dem berg 
des schouwens» in den « Predigten teutsch» 2 ; über das Abc hat Geiler 
später in Strassburg wieder gepredigt 3 ; die Eigenschaften des Pilgers, 
ein Thema, auf das Geiler oft zurückkam, sind schon 1494 von einem 
unbekannten Drucker, 1499 zu Augsburg von Lukas Zeissenmeyer, 
mit dem Hinweis, dass die Predigten in Augsburg gehalten wurden, 
veröffentlicht worden 4 . Von den zehn Geboten ist keine mit Geilers 
Namen versehene Druckausgabe bekannt 5 . Hingegen figurieren die 
sieben lodsünden unter dem Titel « Sibeu hauptsünd» und als 1499 
in St. Katharina zu Strassburg gepredigt im « Granatapfel». Die 
“Zehn Staffeln» hat Geiler spater zu fünfzehn erweitert, und als 
solche hat sie Johannes Pauli in den Brösamlin ediert 6 . Von den weiter 
genannten über den Lebzelten und die Eigenschaft der Kinder war 
jede Spur verloren: aber gerade sie finden wir in unserer Handschrift. 

Die erste Reihe beginnt mit den Predigten über den Berg der 
Schaumig: «Hie faclient sich an die hailigen predigen, die der wol- 
gelert und erwirdig doclor mit namen Johannes vonn Kaysersspergk 
gepredigt! und gelcrtt hat in der kaysseiTclien Stat zu Augspurg, und 
waß das das wollt des anfangkß: kument her unnd land unnß steigen 
auff den berg des herren. Die wortt, die ständ geseliriben in dem hei¬ 
ligen evangelio der propheteu unnd da Christus auff erdtrich gieng 
und predigett und lernett das gemein volck». Dann folgt auf Bl. 222 v : 

« Die hernachgeschriben 1er hatt der wirdig doctor zu einem guten 
newen jar und zu ainer letz 7 gethann und fach also an. Er wirt in 
geben ainen kflehen. Nun zimpt mir auch wol, da sich euch ainen 
küchen oder lebzelten geb zu einem guten jar und auch zu ainer letz. 
Dazu zwingt mich die zeitt und also will ich uch ainen le[b]kuchen 
oder le[b]zelten geben. Als Christus Jesus von sainen jüngern wolt 
schaiden, da licsß er inn den le[b]kuclien zu letz, das ist seinen 
heilligen leib in der gestallt des protz. Das ist der le[b]kuchen, den 

4 Der Bericht hei A. Steichele, Friedrich Graf von Zollern, Bischof von Augsburg und 
Johannes Geiler von Karsersberg, in: Archiv für die Geschichte des Bisthüms Augsbure 
1(1854)152 f. 2 Dacheux n. 36. ° 6 

3 Das Alpluibet in xxiii predigen, im: «Buch der Sünden des munds» 1518, Dacheux 
n. 75 und separat 1518, Dacheux n. 76. 

4 Dacheux n. io.ii; über den Wert von n. 10 ebd. S. xi f. 

6 Siehe über angebliche Ausgaben Dacheux S. clxxxi ff. 

■ sichc Dflcger, Johannes Pauli aaO. 78. 7 letze = Abschiedsgeschenk. 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 201 

ich ück will geben». Das Ganze ist eine in der bei Geiler so beliebten 
und bei ihm fast zur Manie gewordenen emblematischen Form ge¬ 
haltene Belehrung über das hl. Altarsakrament, dazu als Neujahrs¬ 
predigt 1 gedacht, die er vorausnahm, weil er bald ahreisen musste. 
Bl. 232 V beginnt «die ander predig von dem lebkuchen». Diesmal legt 
er das Leiden Christi in der Form des Lebkuchens aus und schenkt 
diesen zu einem guten neuen und seligen Jahr. Inwieweit sich diese 
Predigt mit den noch zu Geilers Lebzeiten (1508) von Jakob Öther 
herausgegebenen Fragmenta passionis domini Jesu Christi... sub 
typo placente mellei predicatc 2 und der von Johannes Adelphus 1514 
verfassten deutschen Fassung 3 berührt, wäre ni ;ht uninteressant zu 
untersuchen. Während es sich hier immerhin um bekannte Gedanken- 
komplexe handelt, ist die Lebkuchen-Sakramcntspredigt als ein 
neuer Gewinn für die Geilerkenntnis zu buchen. 

Auch die letzte Geilerpredigt unserer Handschrift stimmt mit 
den Angaben des Augsburger Chronisten überein, wonach er am Tag 
der Unschuldigen Kinder Abschied nahm 1 und zwei Predigten von der 
Eigenschaft der Kinder hielt. Wir dürfen daher unbedingt alle hier 
verzeichneten Predigten als echtes Geilerwort ansehen 5 . Wahrschein¬ 
lich hat Geiler in zwei verschiedenen Kirchen dieselbe Predigt ge¬ 
halten. Unsere Handschrift verzeichnet (Bl. 252-28 l v ) nur eine: 
« die hernach geschriebene 1er halt auch gethann der erwirdig doctor, 
als er urlob hatt genommen und sprach: wenn nun der vatter von den 
kinden schaidenn wil und das er schon gesegnet! hatt, und so genndt 
im die kind das glaid für das thor, so geilt er inn regel, wie si sich 
haltenn sollen, dieweil er auß ist. Alzo wil ich euch auch tun. Ich han 
urlob genommen, aber ich will euch kinden auch noch etlich regel 
geben». Er zahlt fünfzehn Eigenschaften eines Kindes auf und deutet 
sie nach seiner Gepflogenheit auf das menschliche Leben. Die Hand¬ 
schrift enthält noch einige Sakramentspredigten ohne Verfasser¬ 
namen. Auf Bl. 390 steht die Jahreszahl 1490. Am Schluss (Bl. 397 ff) 
stehen Predigten des Herrn Jakob Helfer aa Unser Lieben Frau zu 
Augsburg. 

Geber die eigentümliche Form der mittelalterlichen Neujahrspredigten, bei denen die 
r lg er symbolische Geschenke auszuteilen pflegten, siehe L. Pfleger, Altdeutsche Xeujahrs- 
predigten, in: Der Aar, 3. Jg. Regensburg 1912,1,450-462. 2 Dacheux n. 38. 

. n. 65. 4 « biß an den tag der unschuldigen kindlein, da nam er ganz Urlaub 

5 vhk'c l’ ?'Stemhele aaO. 5 Es mutet seltsam an, dass Ph. de Lorenzi, Geilers ausge- 
w l e Schraten, r. Bd. Trier 1881,98 mit dieser Garantie sich nicht zu begnügen scheint. 


202 


L. Pfleger 


Reiche Ausbeute für unsere Zwecke bietet endlich der Berliner 
Cod. germ. 4» 197, eine Papierhandschrift aus dem Anfang des IG. 
Jahrhunderts, von 381 von verschiedenen Händen beschriebenen 
Blättern, die offenbar aus einem der drei Strassburger Frauenklöster 
St. Margareta, St. Agnes oder St. Katharina stammt, da sie nur Pre¬ 
digten enthält, die in diesen Klöstern von Geiler gehalten wurden. 
Der Inhalt ist folgender: 

Bl. 1: « Hie hebet sich an ein gutte lere und seit, wie sich ein 
jeglicher rechter cristenmensch, und vor allem ein clostermensch soll 
haltton und aufstigen, <laz er mtig kummen zu einem volkommen 
leben, und ist dis die glichniß geben by einem heselin, und hett dise 
lere gedon ein hochgelerter doctor götlicher kunst und vast gloup- 
wirdig in silier lere. Genant doctor Johannes Geyler von keyserspcrg, 
den andächtigen und geistlichen mütren und swestern zu Sant Kathe- 
rinen zu Stroßburg do man zalte von Christi unscrs lieben lierren 
M\ C II joru (1502. Diese Predigten reichen bis Bl. 84 und sind nichts 
anderes als eine Niederschrift der Predigtserie « von dem Hasen im 
Pfeffer», die in den verschiedenen Ausgaben des « Granatapfel» 
abgedruckt ist. 

Bl. 84-155: «Dise 1er hett gedon der andechtig hochgelerte doc- 
lor und meister Johannes Geiler von keyserspcrg den andechtigen 
geistlichen mutter und swestern des closters sant Margrethen und 
sant Agnesen zu Stroßburg, anno 1490». Sie sind identisch mit den 
im Jahr 1518 gedruckten Predigten über das Alphabet 1 . 

Bl. 155-172 T enthält die Predigt «von den zwölf schefflin», die 
wir weiter unten S. 206-216 zum erstenmal zum Abdruck bringen. 

Bl. 173 v -181 v : «Wer do wil kummen zu volkummer reinigkeit 
vnd küscheit lybs vnd gemtites, der muß an diesem boum, der da 
heißet Continencia, beheliikeit, ablessen disse noch gonden xv est, 
die auf oben mit dissen büchstaben: Santa Margareta». Auch diese 
gleichfalls unbekannte Predigt, die an die Klosterfrauen des gleich¬ 
namigen Strassburger Frauenklosters gerichtet ist, werden wir in 
einem späteren Jahrgange dieses Archivs herausgeben. 

Bl. 181M9S: «Diße 1er hett gedon der große doctor göttlicher 
kunst, doctor Johannes Geiler von Keißersperg, den andechtigen 
geistlichen miittren vnd schwestren zu sant Katherina zu Strospurg » 2 . 

Siehe Daclieux n.-6. * Auf Bl. 19S-224 steht: «Diße Ierhett gedon der »virdige 

meister göttlicher kunst Toma von Lantpertheim sinem sunderlichen beichtkind». Ueber 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 203 

Bl. 224 v -236: «Hie hebett sich an ein guette 1er und seit von 
art der kind und eygenschafft die sy an in haben, die do ein yeglicher 
cristener mönsch geistlich an im soll han, wil er kumen zu ewiger selig 
keit, und hett sy der hochgelerte doctor Johannes Geiler von keyßers- 
perg geprediget den andechtigen geistlichen mütteren zu sant Kathe¬ 
rina in dem jor do man zalt 1501». Ist eine unodierte Predigt auf das 
Katharinenfest, die wir ebenfalls in einem späteren Bande dieses 
Archives gelegentlich veröffentlichen werden. 

Bl. 236-268: «Von den vii swerttern der syben hauptsünd, 
mitt wöllchen der büß geist understot zu verderben die sei des mön- 
schen», in St. Katharina 1499 vor Advent gepredigt; Bl. 268-322: 
« Von VII scheyden, vnder denen sich verbergen die swert der VII 
hauptsünd (den Reuerinnen gepredigt); Bl. 232 ff.: «Wie die sei des 
mönschen durch die Verlust der VI sp. (?) in ctlich ongerechtikeit 
glich worden ist einem esel und also gefallen in den gewalt des bößen 
geistes, der sy gebunden hett mitt syben halffteren oder an syben 
eselhefften». Alle drei letztverzeichneten Serien sind im « Granat¬ 
apfel» gedruckt. 

❖ 

Noch ein Wort über die Provenienz der Berliner Handschriften. 
Sie stammen sichtlich aus Strasshurger Frauenklöstern, eine aus dem 
oberclsässischen Kloster Alspach. Andere Berliner Handschriften 
elsässischer Herkunft, die für die Geschichte der vorgeilerischen Pre¬ 
digt wichtig sind, habe ich früher schon verwerten können 1 . Wie kom¬ 
men alle diese Codices nach Berlin? Sie tragen fast alle den Namen 
ihres früheren Besitzers DanielSuderman n. Es ist auffallend, 
dass dieser protestantische Mystiker, der auch in der Geschichte 
der Taulerschen Predigttexte eine nicht unbedeutende Rolle spielt 8 , 
weder in der « Allgemeinen deutschen Biographie» noch in der « Real- 
encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche» eine Würdi¬ 
gung erfahren hat. Für die Geschichte des evangelischen Kirchen- 

diesen Strassburger Dominikaner von Lampertheim, gewöhnlich Thomas Lamparter ge- 
nannt, vgl. Ch. Schmidt, Histoire littöraire de l'Alsace a la fin du XV 0 et au commencement 
du XVI® sißcle, i. Bd. Paris 1879,23.359. 

1 L. Pfleger, Zur Geschichte des Predigtwesens in Strassburg vor Geiler von Kaysers- 
berg, Strassburg 1907. 

_ 1 Vgl. Preger in Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, 19. Bd. 
Leipzig 1907,454. 


204 


L. Pfleger 


liedes ist er von Bedeutung 1 . Dieser Daniel Sudermann lebte am Ende 
des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Strassburg, und da er 
sieh sehr für Mystik interessierte, sammelte er alle alten Hand- 
.Schriften, die Predigten, mystische Traktate und Gebete enthielten. 
Eine ganze Reihe solcher Strassburger und anderer Codices ist mir 
in Berlin unter die Hände gekommen. 

In dem Berliner Cod. germ. 8» 69, Bl. 307, hat Sudermann 
einige Notizen über sein Leben eingetragen. Danach ist er an Fast¬ 
nacht 1550 zu Lüttich geboren. Sein Vater war der Maler und Kupfer¬ 
stecher Lambert Suavius 2 , der ein Wanderleben führte und 1564 zu 
Weimar starb. Auf der Innenseite des Schlussdeckels des Berliner 
Cod. germ. 35 8° gibt Sudermann, diesmal in französischer Sprache, 
weitere Daten aus seinem Leben an. 1558 war er zu Aachen an der 
Schule, 1560 zu Antwerpen, 1561 zu Köln, 1562 zu Düsseldorf, 1563 
wohnte er der Kaiserkrönung in Frankfurt bei. 1565 schickte ihn, 
nach des Vaters Tode, der Herzog von Jülich nach Jena. Er führte 
nun als Hofme.ster von Fürsten- und Grafensöhnen ein unstetes 
Leben, bei den Grafen von Sayn, dem Kurfürsten von Heidelberg, 
den Herren von Wimneberg, mit denen er 1578 in Rappoltsweiler 
und Gemar weilte. Seit 1585 weilt er in Strassburg im Bruderhof 
als Präzeptor des jungen Adels 3 . 1626 wird Sudermann dem Rat in 
einem Bericht des Präsidenten des Kirchenconventes, Thomas Wege¬ 
lin, als Schwenckfeldianer genannt. In dem vom 8. September datier¬ 
ten Schreiben heisst es von ihm: «in disem [der Schwenckfeldianer] 
Orden befind! sich under andern auch Junckher Daniel Sudermann, 
durch welches Schriften, Emblemata und Gemelden hiesige Statt, 
Gemein und Academi bei den Außländischen nicht wenig beschreit 
und verdechtig gemacht wiirt, als wenn sie mit ihm hielten und sein 
Irtumb biilligten. Gestalt denn seinthalben die Universität zu Tübin¬ 
gen nicht allein vor disem an hiesige Facultatem thcologicam ge- 
schriben, sondern auch vorm Jahr durch Herrn Schadaeum an ein 
Ehrwürdigen Kirchen Convent mündtlich hat gelangen laßen und sich 
seiner Bücher halben beschwert befunden, weil auch aus ihrem Mittel 

1 Vgl. M. Vogeleis, Quellen und Bausteine zu einer Geschichte der Musik und des Thea- 
ters im Eisass, Strassburg 1911,356 und öfters, der sich auf Wackernagel beruft, Ueber ihn 
siehe A. F. H. Schneider, Zur Literatur der Schwenckfeldischen Liederdichter bis Daniel 
Sudermann, Berlin 1857,9-20 und öfters. Eine Notiz über ihn auch bei H. Krüger, Deutsches 
Literatur-Lexikon, München 1914,425. 

* Schneider 9. * Schneider 19. 


Zur handschriftlichen Ueberlieferung Geilerscher Predigttexte 


205 


durch dieselbige seien angesteckt und verfüret worden» 1 . 1629 wohnt 
Sudermann in der Judengasse in Strassburg, nach 1631 muss er ge¬ 
storben sein 2 . Seit 1589 war er Anhänger der Schwenckfeldianer, 
dichtete eine Menge geistlicher Lieder und verfasste viele Schriften, 
die sich auf die Lehre Caspar Schwenckfelds oder die mittelalterlichen 
Mystiker, besonders Tauler, stützten 3 . Von Tauler allein hatte er in 
seiner Bibliothek siebzehn Handschriften 4 . Seine Bibliothek kam 
teils nach Wolfenbüttel, teils nach Berlin. Aus seinem langen Strass¬ 
burger Aufenthalt erklärt es sich, dass er so viele Strassburger und 
elsässische Handschriften zusaYnmenbrachte 5 . Im Bruderhof mag er 
wohl auch das alte Cantatorium des Strassburger Münsters aufge¬ 
stöbert haben, das sich später ins Britische Museum verirrte*. 

1 Strassburg, Thomas-Archiv 49,1. Strassburg, Stadt-Archiv AA 406 und Prot. XXI 
1626, Bl. I7ö v . 

* Schneider 19. 

3 Das Schriftenverzeichnis ebd. 12-17. 

4 Von Hagen bespricht sie in: Neues Jahrbuch der Berliner Gesellschaft für deutsche 
Sprache 7(1836)281 ff. 

6 Die Berliner Handschriften sind, aber nicht vollständig, aufgezählt bei Schneider 17. 

* Vgl. A. Wilmart, L’ancien Cantatorium de l'Eglise de Strasbourg, Colmar 1892, S. ix. 
Hier auch weitere Notizen über Sudermanns Aufenthalt in Strassburg. 





„Von den zwölf schefflin“. Eine unbekannte Predigt 
Geilers von Kaysersberg 

Erstmalig herausgegeben von L. Pfleger 


Der Cod. gern. 4° 197 der Staatsbibliothek in Berlin, eine Papier- 
handschnft aus dem sechzehnten Jahrhundert 1 , enthält eine reiche 
Sammlung von Predigten Geilers von Kaysersberg, die offenbar aus 
einem der Strassburger Frauenklöster St. Margareta und Agnes 
oder St. Katharina stammt. Die meisten dieser Predigten sind 
bekannt; von den wenigen unbekannten möge zunächst die Predigt 
« von den zwölf schefflin» hier erstmalig im Abdruck folgen. Sie ist, 
offenbar im erstgenannten Kloster, am Agnesentag (21. Januar) 
1500 gehalten worden. Die Predigt ist natürlich nur eine Nachschrift, 
keine Aufzeichnung von Geiler selbst. Wenn auch der nachgeschrie- 
bene Text die Originalität des grossen Predigers nicht getreu wieder¬ 
gibt, so dürfen wir doch nicht daran zweifeln, dass wir es mit Geiler- 
schem Gedankengut zu tun haben. Es ist eine vor Klosterfrauen 
gehaltene Predigt, die die bissige Ironie und den derben Humor ver¬ 
missen lässt, woran seine an das bürgerliche Publikum des Münsters 
gerichteten Predigten so reich sind. Um so unverkennbarer ist 
Geilers geniale Art im emblematischen Aufbau der Predigt. 

Das Stück behandelt nämlich einen Hauptpunkt des geistlichen 
Lebens, die Regelung der Seelenbewegungen durch die Gottesliebe“. 
Pasee oves meas! Wie die hl. Agnes soll jeder Mensch als guter Hirt 
die natürlichen Bewegungen, die ihm Gott als Schäflein anvertraut 
hat, auf die rechte Weide treiben, auf der jedes gedeihen und der 
Seele zum Heile werden kann. Die Bewegungen der Liebe (amor), 



Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin 207 

des Begehrens (desiderium) und der Lust (delectatio) sollen auf Gott 
gerichtet werden, die des Hasses (odium), der Abkehr (fuga) und der 
Traurigkeit (tristitia) auf die Sünde. Ebenso soll der Mensch seine 
Hoffnung (spes) dem Himmel zukehren und dabei nicht auf die 
eigenen Werke bauen (desperatio); durch die Furcht vor der Hölle 
(timor) soll er die sündige Lust dämpfen, fröhlich sein ob Gottes 
Gnadenhülfe im Kampf gegen die Feinde (audacia), ferner dem Zorne 
(ira) nur Gottes und der eigenen Sünde wegen nachgeben, endlich die 
Widerwärtigkeiten still und gelassen ertragen. Man sieht aus den 
hier beigefügten Fachwörtern, die Schäflein sind die bekannten 
elf Seelenbewegungen der antiken und scholastischen Philosophie, 
die Passiones concupiscibiles et irascibiles; der Prediger hat ihnen als 
zwölftes Schäflein die Geduld beigesellt 1 . 

Nach diesem grundlegenden ersten Hauptteile der Predigt 
(S. 208-214) werden die vier anderen kürzer erledigt (S. 214-216). 
Der gute Hirt treibt unter den Schafen immer den Widder 
vor, dass er die ganze Herde leite; 'st nämlich unsere Liebe 
auf Gott hingeordnet, so sind auch alle andern Seelenbewegungen 
geregelt. Wenn ferner die Schafe « massleidig» werden, d. h. wenn 
die Seelenkräfte in Trockenheit erlahmen und sich zerstreuen, so 
muss der Mensch ihnen zur Stärkung das Brot des Wortes Gottes 
und des hl. Sakramentes vorwerfen 2 . Der Hirt hat auch immer einen 
Hund bei sich, der die Wölfe fernhält: so soll das rechte, vernünftige 
Gewissen die Anfechtungen von der Seele fernhalten, insbesondere 
auch alle Uebertreibungen und Masslosigkeiten. Der Hirt benutzt 
endlich ein « Sackpfifflin #, mit dem er die Schafe antreibt: das Mund¬ 
stück ist die Furcht Gottes, die Pfeife die Freude am Himmel; diese 
steckt in einem aufgeblasenen Sack, aus dem der Ton kommt: es ist 
unsere armselige Menschheit, die der Herr getragen und in der er uns 
die ewige Seligkeit verdient hat. 

Man wird dieser Einkleidung die Eigenartigkeit und praktische 
Angemessenheit nicht absprechen: Geiler hat hier, wie so oft, ein 
schwieriges Lehrstück dem einfachsten Verstände nahezubringen 
gewusst. Was den Inhalt seiner Darlegungen angeht, so wird der 

1 Vgl. die Behandlung der Passiones bei S. Thomas, Summa theologica Ia Ilse quasst: 

xxn-xlviii. X 

* Vgl. dieselbe Zusammenstellung bei Thomas von Kempen, Die Nachfolge Christi, 
B. IV, Kap. ii : Dass der Leib Christi und die Hl. Schrift der gläubigen Seele zumeist not¬ 
wendig sind. 



20 &- - - - —L. Pfleger 

Historiker der Reformationszeit auf die Bedeutung achten, die der 
Gottesliebe in der ganzen Predigt zukommt; ebenso auf die Beur¬ 
teilung der guten Werke, deren Verdienstlichkeit einzig von Christus 
stammt (S.212); auf die Unzulänglichkeit der Furcht vor der Hölle 
als Mittel der Gerechtigkeit (S. 212 f); auf die zentrale Stellung des 
Gottesgedankens bei der Uebung der Gelassenheit (S. 213f); auf 
die Hochschätzung der «Bescheidenheit», d. h. des vernünftigen 
Masshaltens auch in geistlichen Dingen (S. 215 f). Die treffende 
Form des Ausdrucks zeigt an manchen Stellen der Predigt den 
Meister der Sprache. Der Text beginnt in der Handschrift auf Bl. 165*: 

❖ 

Dissepredige liett gedon der erwirdig doc- 
tor Joliennes von Keissersperg uff sant Agne- 
sen tag im xv« jor; seit von xii schefflin. 

Petre, amas me? pasce oves meas. Der herre sprach zu sant 
Peter; «Petre, liebst du mich me den disse»? Er antwurt und sprach:/ 
<t Herre, du weist, daz ich dich lieb ». Do sprach der herre zü jm: « So 
weid mynn schefflin». Dis retder herre zü drien molenzüsant Peter 1 . 

Und ist diß myn für geleit wort, daz ich red zü eim jeden men- 
schen, mit dem ich jnn vermanne, zü weiden sine schefflin, der xii 
sint. Daz sint xii nattürliche bewegung, die ein jeder mensch jn jm 
hett, do er ein jede sol triben uff die weid, die ir nütz ist. Er sol sin 
ein getrüwer fIißiger hirt siner schefflin und v stick an jm haben, noch 
der wiß eins hirten. Zum ersten, er trib sine schefflin uff die weid, 
die eim jeden nütz und füglich ist. Zum andren, er trib alwegen den 
wider vor, der die andren wißt. Zum driten, so sü ettwen maßleidig 
werden, so wirfft er jn brot dar. Zümiiij., er hett alwegen by jm einen 
hunt, der die wolff vertrib. Zürn v., er hett by jm ein sackpfifflin, do 
mit er den Schöffen [Bl. 166] pfifft. 

Zürn erste, der gute hirt tribt sin schefflin uff die weid, die eim 
jeden füglich und nütz ist. Eym ist güt ein feißte, dem andren ein 
döre. Also der mensch sol der seien schefflin nit alle triben uff ein 
weid. Wenn die eim nütz ist, do esse daz ander den tod an. 

Das erste schefflin ist lieb. Daz trib uff die weid, die Got ist. 
Daz lert dich Christus, do er sprach zü dem schrifft gelerten: Hab 
Got liep uß gantzem dinem'hertzen 2 . Got ist der hohe düre 3 berck, 

1 Joh. 21,15-17. ■ Matth. 22,37. ■ teure, herrliche. 



’ 


Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin 209 

dor uff daz schefflin diner seien, die lieb, geweid sol werden. Wo duß 
anders hien tribest, do ißt es den dot. Daz wurst du wol gewar, waz 
nutzes du do von freist, so du din lieb uff den menschen und die nar- 
rehten zitlichen ding leist. On zwiffel gantz nüt gütz. Trib daz scheff¬ 
lin uff die rechte weid. Kere din lieb allein zü Got mit eym gantzen 
gefallen jn jm; denn jn allen geschöpften und niergen uff ertrich mag 
daz schefflin nütze weid und settigung finden. Daz bekant wol die 
liebe sanct Agnes, do der jiingling, des richters sün, zü jr kam und jr 
vil schetz gelopt, daz sü jn solt nemen zü der c. Do sprach sü: Discede 
a me etc. Scheid von mir, du f ütcr des todes; uff der weid, daz ich myn 
lieb uff dich leit, esse myn sele den dot an. Ich bin von eym andren 
liephaber für kummen. Er Ixet ein Zeichen gesetzt jn myn angesicht, daz 
ich keinen andren liephaber sol haben den jn. Also [BI. 166 v ] ob sü 
sprech: Erhctt sin göttlich byld getruckt jnn mich, daz ich allein jnjm 
gesettet sol werden 1 . Uff die hohe egerden 2 trih daz schefflin diner 
lieb. Veraht alle ander creaturen. Lieb denn [diese creaturen ] alß vil 3 
die almehtikeit, wißheitund gütigkeit Gottes jnn jnnen erglestet*. Was 
du anders süchst und liebst: hipscheit, adel, klückeit der wort und 
geberden, süclit daz schefflin diner seien nit rehte weid und möcht 
gar bald den dot dran essen. 

Daz ander schefflin ist begird. Uß der lieb entspringet begird. 
tVas der mensch bekennt und liept, daz fohet er denn an zü begeren. 
Also so der mensch daz erste lemblin hett getriben gantz in Got, der 
daz oberste gut ist, daz der mensch bekennt und liebt uß gantzem 
hertzen, so foht er denn an, daz selbe güt zü begern, Got von ougen 
zü ougen ewigklich zü sehen und zü niessen. Diß lemblin, diner seien 
begird, trib uff die weid der ewigen Seligkeit, die Got selbs ist, und 
schick und rieht alle din hertzlich begird deerzü, daz oberste güt ewig¬ 
klich zü niessen. Weyd daz schefflin uff der weid, also daz du me 
und hertzlicher begerst selig zü werden, den alle freid, lust uff ertrich 
zü haben. Ein mensch hett von natturen, daz er je etwaz müß begeren. 
Es ist ein nattürliche neigung: antweders er begert wise, heilsamme 
und nütze ding, oder aber narrchte, zergentliche 3 ding. Selig ist der 
mensch, der sine begird jns himel-[Bl. 167]rich rieht, also daz der 
ewige fürg eordent will an jm volbrocht werd, daz daz liden Christi 

1 Jacobi a Voragine Legenda aurea, hrsg. von Th. Gncsse, Dresden-Leipzig 1846, 1I3 f. 
Vgl. auch im Römischen Brevier die Antiphonen der ersten Nckturn des Offiziums der 
hl. Agnes am 21. Januar. 1 egerden = brach liegender Acker. 8 alß vil = soweit. 

4 erglasten — erglänzen. * zergentlich = vergänglich. 


14 



210 


L. Pfleger 


nit an jm verloren werd. Gedenck an die freid und Seligkeit aller 
ußerweltcn, die sU liant jn dem Spiegel Gottes, der ir ewige Seligkeit 
ist, und roß 1 din begird, do mit es ouch dar zü kummen. Gewcn» din 
begird an nütze heilsame ding und spott din selbs, so etwaz nar- 
rehter begird in dir uif gond. Gedenck, du bist ein cristcn geischlich 
mcnsch. Du solt nit nüt sollicher narrheit und) gon. lieber red dich 
selbs. Nym din selbs war, womit ye din begird umb gond, pfetz dich 
selbs in ein or, alß ein müter daz kint, so cs sin selbß vergißt Trib 
daz schcfflin diner begird ye für und für uff die gf.tte weid, hcilsamme 
und nütze ding zu begeren. Wenn so diu begirden deraffter 8 louffen 
in denn zitlichcn weltlichen dingen und so du me trurest (daz die 
selben ding nit noher gont, alß du anschlest*), denn ums himelrich 
oder die ere Gottes, so loufft daz lemblin diner begird uff der weid 
der schedelichen wiesten weid, do es gar bald den ewigen dot an 
mocht anessen. Dorumb hiet des schefflins wol. Biß und nag dich 
selbs umb die narrechten begirden. Nym jr war und schlag in an 
allen enden uffs mul, biß du jr ab kommst, und vertrib sü je mit 
nützen heilsammcn und gütten begirden. 

Daz dritt schefflin ist delectare, last. Diß schcfflin trib ouch 
uff die erste weid in Got; denn disse dry schefflin haut ein weid. Uß 
der lieb entspringt [Bl. 1G7 V ] die begird, uß der begirden der lust. 
Also so du Got uß gantzem hertzen liebst und denn alle din begird jn 
jn lichtest, so wurt dir denn über alle ding lustlich und anmutig jm 
zü dienen. Disse weid wißt und lert uns der heilig prophot Davit 
jn demverß: Delectare in domino, erlüstigen iich in demherren, und 
er wurt üch geben die begird oder bittung uwers hertzen 5 . Der gröst 
schad der seien ist, do der mcnsch allen sinen lust und anmüt sftcht 
in den creaturen. Also on zwiffel so ist es der seien grösler nutz, do 
ein mensch mit lust ungezwungen und mit freiden Got dient. Daz 
macht dem menschen sine werck nützlich, verdienlich und licht und 
Got angenem. Juwelier creaturen Got nit erglestet und erschint, also 
daz sü dich reißt, Got liepzü haben, do fint daz schefflin derselenlust 
kein nutze oder gutte weid. Do dorumb hftt dich vor, trib daz schefflin 
dannen, den es gar bald den tod möchte do essen. Süch allein dinen 
lust in Got. Do wurstu in einer stunden me gesettiget, denn jn aller 
freid und k urtzwil, die uff erden ist. Lust ist allein ein schefflin, daz 


1 rcß von ressen, reffen = züchtigen, schelten. 
* hinten nach. 4 wie du dir vornimmst. 


a gewen = gewöhne. 
8 Ps. 36,4. 


Geiler von Kaysersbcrg, Von den zwölf schefflin 


211 


jm himcl sol geweidt werden, denn niergen uf erlricht fint es gesunde 
weid. Selig ist der mensch, der disse dry schefflin kon triben jn die 
innerliche verborgene weid, die in Got ist. 

Das iiij. schefflin ist haß. Wo sol daz schefflin geweidt werden? 
Uff der matten diner siind, do trib es hien, nit wider [Bl. 1G8] dinen 
nechsten, denn do esse es den ewigen dot; dorum tribs dannen. Wann 
du eis haßest, so bistu ahvegen wider es. Also weid dis lemblin des 
hasses, biß 1 wider din sünd. Nym yr war, wo sy in dir uffgondt, es sig 
in gedencken, jn reden, jn geberden. Wo du jr gewar wurst, do ker 
dinen gantzen haß und Unwillen dargegen und hüt dich dorvor. 

Daz v. schefflin ist flöht oder abwenden. Uff welle matt oder 
weid gehört dis schefflin? Ouch uff die matt diner Sünden. Wenn eins 
eis haßt, so abwent und kert es sich von jm. Also die sünd, die du in 
dir gewar wirst und sü haßest, der machtu nit baß ab kummen, den 
füg dorvon; den gar bald folgt dar noch der lust und der will, do daz 
schefflin diner seien den dot au isßt. Nit bessers ist wider die sünd, 
den fliehen dovon und alle ursach miden. Flüt ist die matt, doruff 
diner seien schefflin gar sicher ist. 

Das vi. schefflin ist truren. Daz trib ouch uff die matt diner sünd. 
Wenn eins ein ding haßt und sich understott, von jm zökeren und jm 
denn nit alwegen magentpffliehen, so gebirt esjnjmein smertzenund 
ein truren. Also wie fast wir die sünd hassen und uns vor jn hüten, so 
mögen wir in doch nit gantz entpffliehen. Sü louffen uns noch, denn 
an allen enden noch. Dorumb hantwir ursach, alwegen zü truren, daz 
wir gesindt hant und tcgelich Sünden und die sünd unsersjne slcn 2 . 
Umb kein ander ursach sol ein cristcn mensch truren. Wenn du trurest 
[Bl. 168 v ] umb zillicli narheit, so loufft daz lemblin diner seien ober 
uff einer schedelichen weid. 

Daz vii. schefflin ist hoffung. Daz gehört ouch zü den ersten 
drigen szhefflin in denn himel. Do setzt din hoffnung hien, do fint es 
ülle 8 weid. Wo du diß schefflin anders hien tribest, do verdirbt es 
und wurt mager und eilend. Dich frowet etwen daz zitlich, daz diner 
seien grösten schad ist, jo ettwen daz nit eines helblings wert ist, me 
denn daz himelrich. Do isß daz schefflin der hoffnung den dot an. 
Tribs fürbaß uff die güte weid, kere din gemüt und hoffnung zü der 


1 biß = sei, Imperativ za sein. 

8 unseres jne[n] sten = im Innern von uns stehen. 

* Unverständliche Form; wohl verschrieben für «volle»). 






212 


213 


L. Pfleger 

ewigen Seligkeit. Also det die lieb sant Angnes, do sü sprach: Daz ich 
gegloubt hab, daz sieh ich jetz, und daz ich gehofft hab ewiges leben, 
daz umbfohe ich. Alß oh sü sprech: Dazschefflin mynerlioffnung hab 
ich alwegen getriben uff die matt der ewigen Seligkeit: do hien han 
jehs gewent, do fint es jetz volle weid genügsamme. Wenn daz sclicff- 
lin dincr hoffnung also loufft sweiffen uff der matten der zitlichen 
narnechtending, so tribs dennen. Schnawe 1 dich selbs an also: Wo mit 
gostu umb, waz frowet dich die narrheit? Du macht doch nit do 
von geseittiget werden. Diner seien mag doch do von kein nutz ent¬ 
springen.Daz anforen macht dich witzig und fürsichtig. Wenn du daz xx 
oder xxx mol gedüst, so gewönestu din hoffnung jn himel zu keren. 

Daz viij. schefflin ist verzagung oder verzwifflung. Du sprichst: 
Ist daz ouch ein güt lemblin? jeh won 2 , ver[Bl. 169]zwifflung wer 
siind. Jo es ist ein güt lemblin, wenn du cs uff die rehte weid tribst, 
daz ist, daz du verzwifelst und verzagst an allen dinen güten wercken 
und nit do von haltest; trib sü al in Got. Do wurt daz lemhlin wol und 
sicherlich geweidt. Nit len dich uff din güten wcrck. Wenn du nit sicher 
hist, oh sü Gott gefallen oder nit, befielhe sü jm, daz er druß mach, 
waz jm gefalt. Daz macht dich gerüwig jn dir selbs. So du gantz zü 
unrügen bist jn dincr biclit, so du meinst, du habest nit genügt gebicht, 
und wilt denn dich und bichvatter doup 3 bichten und kumpst noch 
denn ye mynder zü friden, so ist denn not, daz diß lemblin geweidt 
werde uff der matten der verzwifflung, daz du gantz uff din eigenen 
fliß verzwiffelst. Gedenck, ob du lang gebichtest, so mahtu doch mit 
allen dinen güten wercken nit genüg gedon. So du dinen fliß gedüst 4 , 
so setzt din hertz zü friden und beviel din biclit Got, uß des verdienen 
jm alle unser werck müssent angenem werden. Aber hüt dich, daß 
diß lemblin nit kumm uff die schedeliche weid, daz du verzwiffelest 
an der barmhertzikeit Gottes, ob din gülten werck Got nit angenem 
sigen, und domit uff hörest, daz du kein gütten werck me tun woltest; 
wenn uff der weid esse daz schefflin bald den dot an. 

Daz ix. schefflin ist forclit. Wen eins eim ding nit entrinen, daz 
jm schedelicli ist, so fohet es sich an zü [Bl. 1G9 V ] fürchten. Weid diß 
schefflin in der forclit der hellen deren der siinder nit mag entrinnen. 
Daz macht dich geflißen, wo ein süntlicher lust in dir uff godt, daz 
du den vertribst mit der forclit. Doch hüt dich, daz daz lemblin nit 

1 mlul snäwen = schnauben, hier im Sinne von «anschnauzen*. 

3 wähne, glaube. 3 doup — taub. 4 tuest. 




Geiler von Kaysersberg, Von den zwölf schefflin 

kumm uff die weid, daz du me umb forclit willen der hellen die sünd 
under wegen lossest, denn umb gotz willen; denn do esse diß lemlin 
ouch gar bald den dot an. Die forclit der hellen ist allein güt für den 
lust der stinden, aber die sünd sollcnt allein umb Gottes willen werden 
gelossen. 

Daz x. schefflin ist frölicheit oder geliertzikeit. Daz lemblin weid 
uf der weiden der hilft Gottes, mit deren du wol und on allen zwiffel 
macht überwinden alle anfechtung des tüfels, der weit und dines 
eigenen fleisches und alles daz, daz dich under stot von Got zü tribeu. 
Daz sol dir billichen bringen ein große freid und geliertzikeit und hüt 
dich vor der schedelichen weyd also, daz du erlist 1 und dich dunckt, 
du magst nym wider ston. Sprich: 0 herr, in dir vermag ich alle ding 2 . 

Daz xi. schefflin ist zorn. Denn het got geschaffen jm menschen, 
also 3 ein ander nattürliche neigung, die ein mensch sol jn güte üben. 
David spricht: Irascimini et nolite peccarc, jr süllen zirnen und nit 
Sünden 1 . Wir Süllen zürnen wider daz unrclit, daz wider Got geschieht; 
aber daz wider unß gescliieclit, daz sollen wir nit rechen jn zorn, 
[Bl. 170] sunder, so der zorn in dir uff godt, so dir daz würmel jn die 
naß fort, so vertruck denn zorn, nit biß gehe 5 und unbescheiden dinen 
zorn genuck zü dün. Beschicht aber etwaz, daz wider got ist, so beit 8 
der zit und statt, daz du dinen nechsten mit bescheidenlieit macht 
stroffen. Uff welle weid gehört diß lemblin? Tribs wider dich selbs, 
wider din eigen sünd, do findest du me ursacli, dich zü rechen, denn 
an dinen nechsten, do fint es die rehte nütze weid. Wenn du dym zorn 
genück düst, gegen dinem nesten dich wilt rechen, so godt daz lemblin 
uff der schedelichen und sicheren weiden, do cs denn dot des nides 
und hasses möcht essen. Dor umb tribs uff din eigene weyd wider din 
sünd und gebresten, bis und nage dich drumm und richs und büß 
an dir selber, was du wider Got düst; denn es spricht sanctus Paulus: 
Wen wir unß selbs riehten und urteilen, so urteilt unß Got nit 7 . 

Daz xii. schefflin ist styll sin oder gesitzen. Diß schefflin weid 
uff der matten aller widerwertikeit. Dor under biß styll und loß für 
gon und betralit, daz alle ding von Got kummen. Der prophet Arnos 
spricht: Ist ouch etwaz. böß in der statt, daz der herro nit het gedon 8 ? 
Also ob er sprech: Gütes und büßes geschieht durch denn gewalt 


1 erlist = erliegst. 3 Vgl. Phil. 4,13. 3 gerade wie. 

4 Ps. 4,5. * mhd gäch = jäh, schnell. 8 mhd biten — warten. 

7 Vgl. 1 Cor. 4,3-4- 8 Arnos 3,6. 


214 


L. Pfleger 


Gottes; den oßenvclten kummpt es alles zü nütz 1 . [Bl. 170 v ] Got ist 
ein würcker aller ding“; bilt einhunt, Got der bilt mit syin gewalt 
me uß jm, den er selber. Dir begegen, waz widcrwertikcit es well, so 
wircks und öülz Got me denn alle, die dor zu du nt. Diß betrachten 
macht dich styl sin und gedultigjn allen zü veilen, sü sigent gut oder büß. 

Also best du die xii schefflin und uff weller matten yedes sin 
nütze weid findet. 

Kfin daz ander, daz der güte hürt düt, ist daz er vor denn scheff¬ 
lin tribt denn wider, der sü alle den weg wißt. Mit dem muß er etwen 
me unglicks haben, den mit allen Schöffen. Wenn so er nit wol gewent 
ist, so ferfiert er sü alle. Undcr dissen schofflin xii, die ich dir hab 
geseit, such uß daz widerlin und schicks vor jn allen, daz es sü wiß 
uff die rehte stroß. Daz widerlin heißt amor Dei, die lieb, alle begird, 
lust, lioffnung, freid, trurigkeit und kurlz alle bewegung des hertzen 
entspringen uß der lieb. Wenn daz widerlin amor den rehten weg 
künn, so wißt es die andren schefflin alle die rechte stroß, do sü güte 
weid finden. Der reht weg der lieb ist Got. Hestu denn von hertzen 
liep, alles daz du denn begerst, dorinn du lust, freid oder hoffnung 
hest, daz richtestu alles jn Got. Lüg, daz daz widderlin wol gewent sy, 
daz Got jn allem dun und lossen gemeint und gesucht werd und ge¬ 
liebt. Loß dich diß widerlin der rechten gotteslieb ziehen von allem 
[Bl. 171] anhang unordelicher lieb und gespielscliafft, von allem 
weltlichen lust und freid, von aller ungeordenter trurigkeit. Denn 
daz sint ytclicher schedelich weid, do die schöfflin den dot an essen. 
Meister und wiße die schefflin alle durch diß widerlin der rehten wol 
geordenten gottes lieb, daz got jn allem dinen dün und Ion und über 
alle ding gesücht, geliebt und gemeynt werde. 

Das dirtte, daz der gälte hirt düt, ist, so die schefflin maßleidig 
werden und uff einer fremden matten umbgont sweiffen, so wurft 
er jnn brot dar und lockt jn domit zü jm. Die schefflin der selenkrefft, 
wie dick werden sy maßleidig, ablegigund kranck, es sig in Übung der 
tugende, also daz die lieb, begird, lust, hoffnung, freid und die andren 
krefft e[r]ligei. 3 , daz du kein gegenwärtige andacht und befintliche 
süssikeit hest und dich kein tugen gelüst*, gantz maßleidig bist jnn 
allem güttc; denn 5 so leg den schefflin der selenkrefften brot dar, 
daz sü wider gcsterckt werden. Daz brot der seien ist das gotlich wort. 

1 Vgl. Rom. 8.28. * Vgl. 1 Cor. 12,6. s Im Text «cligen» offenbar 

Schreibfehler für «erligen», d. i. erliegen, nachlassen. 4 gelüstet. 1 = dann. 


Geiler von Kayscrsberg, Von den zwölf schefflin 215 

Daz hör mit fliß. Du spricht : Wer gibt mir alwegen einen prediger, 
der mir dient? Hest jnn nit, so biß din selbs prediger, nym herfiir, 
daz du etwen gehört hest, daz dir dozümol gedient hett. Loß dir es 
aber dienen. Betracht andechliklich daz lyden Christi, die freid des 
ewigen lebens, die pin der hellen, [Bl. 171 v ] die swere der Sünden. 
Daz sint ytel gülte predigen, die bringen dich in einen haß der Sünden 
und machen dich lüschlich in dem gütten. Und über alle ding sterckt 
die krefften der seien daz heilige sacrament dick mit begirden und 
andacht zü empffohen. Daz brot will mit begirden und jnnbrunst ge¬ 
nossen werden, nyt 011 vernunfft, also ein bunt sine spiß jnn sich 
würfft. Mit so vil grösser begird und andacht es genossen wart, so vil 
me krefft und stercke bringt es der seien krefft. Dorumb, wenn dich 
hungert oder maßleidig wurst, so stercke din sele mit dissem heil¬ 
samen brot. 

Das iiij., daz derflißige sorgsam hirt anjm hett, daz ist, er het 
by jm einen liunt, der den wölfft von den schefflin jagt. Der hunt der 
seien ist die concientz. Die sol steltcns an dir nagen und die zen en- 
blecken, wo die wölff der anfechtung der seien krefft wellen zer- 
ströwen und ungerüwig machen. On dissen hunt der concientz mag 
der hirt der seien die schefflin uff keiner güten weyd behalten. Dorumb 
ist not, daz du jn alwegen by dir behaltest, daz er dich uff dem rehten 
weg behalt und mit sym bellen vertrib alle anfechtung. Nün wolan, 
du hest den hunt by dir. Der stuppff und nagt dich und loßt dir dag 
und naht kein rüg, du meinst, du wellest ye alle bewegung der seien 
gar reht regieren. Du machst sin aber ouch dick zü vil lieb, begird 
und smertzen [Bl. 172] haben über die sünd. Daz ist alles gut; wenn 
du sin aber zü vil machst, so trip dich die lieb Gotz alß du wenst, es 
ist aber der wolff der Unbescheidenheit, daz dum zum narren wurst. 
Win trincken ist gesunt; trinkst sin aber zü vil, du wurst truncken. 
Für disse wölff der unvernunfft und Unbescheidenheit loß ouch denn 
hunt der rehten vernünffligen concientz die zen enblecken und domit 
verjagen. Blyb by der bescheidenhcit, so macht 1 du Got lang dienen. 

Das v., daz der hirt düt, daz ist, er hett by jm ein sackpfifflin, 
domit er almol den schefflin pfyfft. Also der seien hirt sol ouch by 
jm haben ein sackpfifflin, domit er die krefften der selenbewegung 
trib, daz sü nit erligen und ful und treg werden, etwen mit der forclit 
und etwen mit freiden und hoffnung. Diß sackpfifflin ist zum ersten 

1 Magst. 


210 


L. Meyer 



der bummart. 1 , der oben uß godt. Daz ist die forcht Gottes. Diß loß 
alwegen jn dir tönen. Also dct der heilige Jerouimus, der sprach" 
Ich esse, ich trinck, jeh schloff, jeh düg waz ich well, so dönet in 
mynen orenn daz hörhorn: Stont uff jr dotten und kununen zü gericht. 
Dissen bummart loß tönen wider alle anfechtung des tiiffels, der weit 
und dins eigenen fleisches. Die macht du alle mit vertriben und die 
schefflin der selenkrefft geflissen machen jn lugüter Übung, Aber daz 
die schefflin nit zä forchtsam und erschrochen werden, so hab ouch 
daz pfifflin der freiden. Betracht daz fröliche [BI. 172v] wort, das der 
herr zü sinen ußerwelten wurt sprechen: Venite benedicti, k’umment 
jr gesegten mynes vatters jn daz rieh, daz üch von anfang der weit 
bereit ist 2 . Es sol sich billich frowen ein gütwillicher mensch, daz er 
mag ein gantz hoffen und vertruwen haben, daz er durch daz verdienen 
unsere lieben herren selig sol werden und die freid des ewigen lebens 
besitzen. Got hett daz himelrich nit gensenn 3 gemacht. Er het nit 
vergebens gelitten. Sin will ist, daz wir selig werden. Diß pfifflin 
steckt in eim zerpflunsenen 1 sack, uß dem der tonn godt in daz pfyff- 
lin. Waz ist der mensch anders, denn ein zerpflunsener sack alß 5 
eilends ? Uß dem loß gon daz fröliche pfyfflin, daz der herr dissen zer¬ 
pflunsenen sack ouch angetragen hett, mit dem er sich also beworben 
hett, daz er dich selig het gemacht. 

Also bewirb dich ouch. Weyd die schefflin diner selenkrefft 
und bewegung mit allem fliß, daz daz bitter lyden und sterben unsere 
lieben herren an dir mag frucht bringen und dor durch selig werden. 
Deo gratias. 

1 brummart, mdh bumhart = Schalmai; hier das Mundstück zum Dudelsack 

Matth. 25,34. * Für die Gänse d. i. für-nichts. 4 aufgeblasen. ‘alles. 






Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen 
am Ende des Mittelalters 

Von Florenz Landmann 

In der Strassburger Stadtbibliothek finden sich zwei Bändchen 
(7,5:10 cm, Hs. 559 und 560), die nach Inhalt und Form zusammengc- 
hören und von einer und derselben Hand am Ende des 15. Jahrhunderts 
geschrieben sind 1 . Beide sind in neuerer Zeit zierlich eingebunden 
worden und umfassen 44 bzw. 43 Papierblättcr in neuer Zählung. 
Sie enthalten in elsässischer Mundart etwa dreissig kürzere Andachts¬ 
übungen und Gebete, wie sie in mittelalterlichen Frauenklöstern im 
Gebrauch waren, im ganzen sehr würdig und sinnig, mit den Lieb¬ 
habereien der Zeit untermischt, so besonders mit der Andacht zu 
St. Anna und der ganzen Verwandtschaft der Mutter Gottes und des 
Herren 2 . Einige Stücke erheben sich zu grosser Schönheit, so mehrere 
Gebete zum Heilande 3 , wie überhaupt alles zu Christus, dem Gott¬ 
menschen und Erlöser in Beziehung steht. Wohltuend wirkt die' 
starke Fre ude an himmlischen, göttlichen Dingen, die sich überall 

1 Früher trugen die beiden Handschriften die Nummern 825 und 825a. Im handschrift- 
Uohen Katalog der Stadtbibliothek sind sie als « Livres de priöres en allemand, marfüscrits 
du 150 sxöcle» verzeichnet; ersteres näher noch als «livrede priöresä Sainte-Anne ». Einfach 
als « Gebetbücher vom 15. Jahrhundert» sind die beiden Handschriften bei Felix Blumstein/ 
üxcerpta e Catalogo Bibliothecae civitatis Argentinensis, Strassburg 1897,155, vermerkt. y 

rh . -fTJ? 3 ' 559 ’ B11 - 38 *- 4 i; Hs. 560, Bll. 2iv-2 9 v ; 3 i- 4 i. Man vergleiche über diese An- 
und v ]C ,, 1 P ‘ 7 l da Kleinschmidt, Die heüige Anna, ihre Verehrung in Geschichte, Kunst 
si«h« t L F T orscha ngen ^ Volkskunde, Heft 1-3], Düsseldorf 1930; für das Eisass 

«siacfi« ' 1 C f^- r ' i 011116 de Sainte Anne en Alsace au moyen-äge, in: Bulletin cccl6- 
siastique du Dioc^se de Strasbourg 38(19.9)239-^49: a 7 0-2 7 ä. ■ 

Ü , 1 *' ls P*eI Hs. 559, Bll. 37-38 v : Sich waschen im Blute Christi, unter dem Namen 
von Ilford o ik~ ’ B11, 3 ' 5 V; Fünf Griisse an den Herrn, nach des hl. Bernhard Bericht 

lein mm tt° 0 er geehrt; 5Gruss an Jesus im hl. Altarsakrament; 12Y-15V; SiebetGebet- : 
Geha4- nir 17 ? 1 um auc ^ an sein offenes Herz, unter Bonaventuras Namen; 18^-19*: 

■. v. . na J 1111 eill , cn S u ^ cn Tod. Die Herz-Jesu-Stellen dieser Handschriften sind be-- 
reits Benutzt und veröffentlicht wonlen. Siehe Medard Barth, Die Hefz-Jesu-Verehrung im 
vom zwouten Jahrhundert bis zur Gegenwart [Forschungen zur Kirchengeschichtc 
des Eisass, 1. Bd.]. Freiburg i. Br. 1928, S. xiii. 79.80.81.90. . , ' 




2i8 Florenz tAndniann 

ausspricht, ebenso die feste Zuversicht auf Erhörung des Gebetes, 
Mitten unter den übrigen Stücken steht auch ein Ilalssegen für Er¬ 
stickungsfälle, dessen Wucht unverkennbar ist 1 . 

Wir haben es hier nur mit den zwei umfangreichsten Stücken 
dieser Gebetbücher zu tun, nämlich mit zwei eigenartigen Andachts¬ 
übungen, die in dem ersten der Bändchen stehen und in etwa auch 
über die Herkunft ihres übrigen Inhaltes Aufschluss geben. Die eine 
Andachtsübung kann überschrieben werden: « Mit Jesus in die Wüste 
gehen» und steht Hs. 559, BU. 3-19; die andere wird im Texte selbst 
als «Die geistliche Meerfahrt» bezeichnet und steht ebendaselbst 
Bll. 19-36. 

I. «Mit Jesus in die Wüste gehen» 

1. Zweck und Inhalt des Stückes ist in dem rotgeschriebenen voll¬ 
ständigen Titel (Bl. 3) treffend angegeben: «Dyß ist ein gute lere, 
wie du mitt Jhesu solt in die wyeste gon vnd die lieben heiligen 
heymsuchen alle tag». 

Der Anfang lautet: «Do vnser lieber her von S. Johanny wart ge- 
toufft in dem Jordan 2 , do noch ging er in die wyeste vnd wz do xl tag 
vnd nacht vasten 3 vnd wonende mitt den wylden thierenvnd mit den 
vögelin, vnd (Bl. 3 V ) die heiligen engel dienten im. In dißer einott 
soltu heymsuchen den herren Jhesu begirlich vnd andechticlich... 
So ist er eynig gesyn in (Bl. 4) der wilden wyest, dz du dich vereinigest 
mitt im, den du ouch dir selbs für alle weit hest erwelt zu einem 
einigen lieb». Aus dieser letzten Wendung sowie daraus, dass es später 
(Bl. 11) in einem Gebete heisst: «ich arme Sünderin», geht hervor, 
dass die Lehre sich an Klosterfrauen wendet. 

Zwei volle Tage soll die andächtige Seele bei dem Herrn allein 
verbleiben und die Emsigkeit seines Gebetes betrachten, die Strenge 
seines Fastens und seine anderen Bussübungen. Vom dritten Tage an 
soll sie auch die Wohnungen der heiligen Einsiedler aufsuchen, jeden 
Tag einen andern, zuerst Moses und Elias, dann Johannes den Täufer, 
Johannes den Evangelisten, Paulus « den ersten eynsidel», Antonius, 
Onofrius, Arsenius, Hilarius, Abraham, Martinus «den milten by- 
schoff», Benediktus, Maurus, Hieronymus, Egidius, Augustinus, 
darauf «all e einsydel, von den nitt geschribcn stot vnd der nam gott 

* Hs. 560, BI. 30». Dieser Halssegen wird veröffenüicht von Joseph Lcfftz, Alte Heil- 
segen und Beschwörungsformeln, im nächsten Bande des ArchfElsKr vi'10-12'1 
! Matth. 3,13-15. » Matth. 4,3. Luk. 4,3. b ‘ 



2 wei Ändachtsiiburigen von Strassburger Klosterfrauen 219 

allein bekant ist», ferner alle heiligen Einsiedler und Klosterleute bei¬ 
derlei Geschlechtes, dann insbesondere Maria die Aegypterin und 
« alle seligen frowen, die gott in der eynott hant gedienet», endlich 
neben allen seligen Einsiedlern auch jene, «die von dem zarten an- 
dechtigen frowlichen geschlecht gott manlich hant gedienet in clo- 
stern». Damit ist die erste Hälfte der vierzig Tage vorüber; die übri¬ 
gen zwanzig Tage soll die Seele denselben Weg « hinder sich» zurück¬ 
kehren, bis sie wieder zu Jesus kommt und zu seiner Versuchung 
durch den Teufel am Ende seines Aufenthaltes in der Wüste. 

Es wird für diesen Wüstenbesuch als äussere Uebung ein erstes 
kurzes Gebet angegeben, das jeweils an die einzelnen Heiligen zu 
r.chten ist (Bl. 7 V ); ein zweites, in dem ihre ganze Schar gemeinsam 
begrüsst wird (Bl. 8''), endlich ein drittes, durch das der Herr selber, 
unter Hinweis auf die ihm dienenden Engel und diese Einsiedler, ver¬ 
herrlicht wird (Bl. 9 V ). Isicht allein diese Gebete sollen täglich ver¬ 
richtet werden, die andächtige Seele soll die ganze Zeit hindurch auch 
die Buss- und Andachtsübungen des Herrn betrachten und zu Ehren 
aller Stunden, die er in der Wüste verbrachte, jeden Tag 24 1 Pater 
noster oder Laudate Dominum omnes gentes (Ps. 116) mit Gloria 
Patri usw. beten (Bl. 12ff). 

2. Die drei kurzen Gebete wie die Betrachtungen sind alle innig 
und dringend. So wendet sich die Seele, nachdem sie in dem ersten 
Gebete den Tagesheiligen um Treue in ihrem Berufe angefleht hat, 
voll Freude an die ganze Schar der Einsiedler (Bl. 8 V ): 

! «0 du heilige wyeste, blugende (= blühend) mit den bl&men 
Christi 1 0 edelcs gewild, do geboren werden die kostbaren leben- (Bl. 9) 
digen stein, von den gebuwen wurt die statt in dem hymel 1 0 selige 
eynott, dich frowet gottes frintliche heymlicheitl Sygest gegrußet, 
° du gott geliepte vnd angeneme schar, brennen mit hytziger liebe 
gottes, vor züten (= Zeiten) gepiniget mit armüt vnd strenger herti- 
keit der wylden wyeste vnd (Bl. 9 V ) nun zu der sußikeit der ewigen 
wolust w.rdiclichen geleitet durch die barmhertzikeit gottes I 0 du 
gott liepliche geselschafft, bytt für vns Christum vnsren herren. 
Amen». 

Das Gebet zum Herrn beginnt mit dem Anrufe: « O ein bl um des 
Veldes vnd ein lilia conuallium 3 , 0 du aller stärkster herr Jhesu Christe » 
(Bl. IQ), un d ist voll des Dankes für seine Menschwerdung, sein Leiden 

1 Im Text steht wohl irrtümlich xxxiilj. • Cant. 2,r. 







220 


Florenz Landmann 


und Sterben und insbesondere für das Beispiel seines harten Lebens 
in der Wüste. Alle Tage, an denen die Seele ihn heimsucht, soll sie 
seine Buss- und Gebetsübungen folgenderweise betrachten (Bl. 12 v ): 

« Dz kalte herte ertrich vnd die herten steyn woren sin bett, der 
hymel wz sin gedeckt, es regnet vnd schnyet vff in. Er wz der aller 
strengeste einsydel, der ye wart vnd yemer wurt.Die andren ein-(Bl. 13) 
sydel ossen vnd truncken, er aß noch tranck nyc in den xl tagen, vnd 
detdöt (= tat) doch keinem monschen hunger vnd durst nye so we 
als dem herren von Zartheit wegen siner edelen monscheit vnd mensch¬ 
lichen natur. 0 wie groß vnd inhytzig wz do sin gebett, dz er deth 
zu sinem hymelschen vatter! O wie vil woren siner trehen (= Tränen) 1 
O wie (Bl. 13 v ) tyeff sin sufftzen, wie begirlich sin ougenblick vff in 
den hymel zu sinem hymelschenvatterl Owie dick(=oft)ist er nyderge- 
knüwet, o wie dick ist er nyder gefallen vff dz herte ertrich, an syn 
venie (d. i. auf den Knieen) für sinem hymelschen vatter für vns 
armen sunder zu bitten, vns mit im zu Versionen! ;> 

Die andächtige Seele soll « zu lob vnd eren allem dem eilende, 
hunger vnd durst, frost, kelte, regen vnd schnce, wint lufft vnd alles, 
dz vnser lieber herr in der wyeste gelytten hett» (Bl. 15) alle Tage 
auch einmal den 21. Psalm Deus, D eus meus respice beten und dem Herrn 
im Geiste ihre Dienstbarkeit bezeigen (Bl. 14 v ): «als dem herren sin 
fyeß weschen vnd dz ertrich fegen, do er knüwet vnd weinet, vnd 
dem herren noch zu gon in der wyeste mitt den tyerlin, die dem heren 
noch gingen vnd sich im leiten zu sinen fußen vnd im dienten vnd ere 
erbuten als irem schopffer noch irer art». 

Aber mit dem Beten und Betrachten allein ist es nicht getan, 
es soll damit auch besonders die innere Abtötung verbunden werden. 
Schon in der Einleitung ist gesagt, dass die Andachtsübung den Zweck 
habe, die Seele «zu zyhen von vnordenlichem anhang» (Bl. 3 V ). Jetzt 
wird die Vorschrift gegeben (Bl. 15): 

« Item brich dir ab (Bl. 15 v ) alle tag etwaz, es syg wie dein es 
wolle, ein vnnütz wort oder einen willen brechen, vnd swyg alle tag 
ein stunde vnd schick es dem heren [in] die wüest vnd spyse in do mitt. 
Ouch schick alle engel vnd heiligen zu im... vnd bytt sy, dz sy im 
alle dienst bewysen für dich als irem (Bl. 16) gott vnd herren. Ouch 
sol man in der wüste fliehen alle creaturen vnd swygen halten an allen 
stetten vnd ouch ein innerliches swygen han in allen dingen, die dich 
zu wyderwertikeit bringen vnd zu pinlichkeit: do soltu dich geloß- 


Zwei AndachtsÜbungen von Strassburger Klosterfrauen 


221 


liehen halten in dinem hertzen vnd nitt vsß brechen vnd dich nitt 
loßen mercken». 

Im Zusammenhänge mit solchen Selbstüberwindungen wird 
empfohlen mit den Engeln und Heiligen das Te Deum laudamus zu 
beten, ferner « an der erütz venien» (Bl. 16 v ), d. h. kniend mit ausge¬ 
streckten Armen, drei Pater noster: « dz erste der großen demutikeit 
gottes, dz ij. siner großen gedult, dz iij. siner gehorsam, die er hett bytz 
in den dot des erützes»; ebenso nach der Complet jedes Tages noch 
fünf Pater noster « dem lyden Christi zu eren». 

3. Am Schlüsse des Ganzen ist alles, was in den vierzig Tagen in der 
Wüste nach dem Beispiele der hl. Einsiedler zu üben ist, noch ein¬ 
mal übersichtlich in fünf Stücklein zusammengefasst (Bl. 18): 

«Das erste lydige abgescheydenheit; dz ij. lutere vffgezogen- 
heit; dz iij. flyßige Übung der tugent vnd guter wcrck; dz iiij. wider- 
strytt dem bösen geist vnd siner anfechtung; dz v. strenge hertikeit 
in vasten, wachen vnd andrer (Bl. 18 v ) Übung, alles in gedult soltu 
diß thfin. — Item für dz erste soltu alle tag ein stund swygen von 
aller red; dz ij., lyß alle tag etwzvon dem leben vnd lyden Christi, 
wie kurtz es ioch ( = auch) ist; dz iij., so bett die vorigen gebett; 
dz iiij., brich dinen willen in etwz vnd thun ein widerstant dem bösen; 
dz v., 1yd etwz gedulticlichen vnd loß für gon, dz dich ver- (Bl. 19) 
drußet, vnverantwurt, durch dines einigen liebes ( = Geliebten) willen 
in der wyeste vnd der heiligen, die du den tag heymsuchest». 

Man wird gestehen müssen, dass wir in dieser Andachtsübung 
eine Anleitung zu echter Frömmigkeit vor uns haben. Es geht alles 
darauf hinaus, die Seele von Klosterfrauen, die in der Einsamkeit 
lebten, und wohl auch von Einsiedlerinnen und sogenannten Inklusen, 
loszumachen von der Welt und allen unordentlichen Neigungen, um 
sie mit Christus «ihrem einigen lieb in der wyeste » zu vereinigen und 
zu trösten. Auch die Zeit des Kirchenjahres ist angegeben (Bl. 17 f), 
in der sie diese Andachtsübung vornehmen sollen. Es ist nicht die 
Fastenzeit, in der ja das Leiden Christi der Gegenstand der Betrach¬ 
tung war, sondern die vierzig Tage vom Feste der hl. Drei Könige 
(6. Januar) bis zum St. Veltinstage (14. Februar), oder aber von der. 
Oktav jenes Festes bis zu Petri Stuhlfeier in Antiochien (22. Februar): 
« Vnder dißen zweyen nem ein jedes, wz er will vnd im diente». Der 
Beginn am Dreikönigstage, also 13 Tage nach Weihnachten, wird 
damit begründet, dass Jesus, als er in die Wüste ging, 30 Jahre alt. 


222 


Florenz Landniann 


war und 13 Tage. Eine weitere Rechnung an dieser Stelle scheint 
alle Stunden des Lebens Jesu auf 328.500 anzusetzen. 

Polier die Andachtsübung zu Jesus in der Wüste stammt, lässt 
sich nur aus dem folgenden Stück erschliessen. 


II. «Die geistliche Meerfahrt» 

1. Dieses Stück des Bändchens ist insofern bedeutsamer, als es 
am Anfang vor dem Titel eine Notiz über Herkunft und Verbreitung 
tragt (Bl. 19). « Dyß nochgeschnbcn seit von einer guten löblichen 
gewonheit vnd Ordnung, die die lieben muteren von Vnderlynden zu 
Sant Agnescn in dz closter zu sant Margretha (Bl. 19») hant bracht 
vnd die in vd clostern lerlich gehalten wurt vnd ist genant die merfart». 

Diese Andachtsübung stammt also aus dem Dominikancrinnen- 
kloster Unterlmden in Colmar, das schon 1419 von Schönensteinbach 
aus zur alten Strenge der Regel zurückgeführt worden warb St. Agnes 
in Strassburg, wurde wegen der Kriegsgefahr von Seiten Karls des 
ahnen im Jahre 1475 durch den Magistrat im Interesse der Stadt¬ 
befestigung abgebrochen und mit St. Margaretha vereinigt®. Beide 
Domimkanerinncnklöster waren schon vorher von Unterlinden aus 
reformiert worden», und die von dort nach St. Agnes gesandten 
Schwestern brachten also bei ihrer Uebersiedelung im Jahre 1475 
die « Meerfahrt» nach St. Margaretha mit. Sie scheint erst von hier 
aus eine weitere Verbreitung gefunden zu haben. So fasse ich wenig¬ 
stens den Anfang der erzählenden Einleitung auf, die gleich auf den 
Titel folgt und — mit Einschiebung zweier Wörter — folgendcrweise 
im Briefstile des hl. Paulus beginnt (Bl. 19v): 

* Dye genodenrichen mutren vnd swestren [von Sant] Marga- 
retha vnd Vrsula von Maßmynster, die ein yeder züt ir ordenung 

M .* , S i e IJst 5 I . d ,' :r d H c ? 1 die Domi nikaner reformierten Fraiicnklöster bei K Schieler 

Magister Johannes Nider, Mainz 1885,169 ff. mclcr ' 

, * Si « hed ^" ber Nscph Gass, Vergilbte Blätter. Notizen und Excerpte aus alten Büchern 
und Handschriften, Strassburg 1918,15-30. nach einer Handschrift des Strassburger Priesto 
semmars. Ueber die späteren Schicksale des Klosters siehe M. Th. de Bussierre HisSre da 

__ , ’ Nach der ebengenannten Liste bei Schieler geschah dies für St Agnes im Tahre 
W ; tas ' D “ «tato Verzeichnis der deutschen 1 
kl oster [Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschen Dominikaner Heft 24! 
Leipzig 1928 Darnach u-urde St. Agnes 1465 auf Bitten der Priorin Brid MeltaWen refor¬ 
miert und reformierte dann bei seiner Vereinigung mit St. Margaretha auch diäi Kloster. 


Zwei Andaclitsübungen von Strassburger Klosterfrauen 228 

wyßlich geben kunt. So dan die züt der septuagesima nohete, so mante 
sye die swestren gar muterlich, dz sy ingedenck weren der heiligen 
zukunfftigen (Bl. 20) züt, indem wir ermant werden vnsers ersten falles, 
die Adam vnd Eua gethon hant, auch dz cdelc züt, dz der ander Adam 
Christus Jhesus vns des ewigen Schadens wider bringen wolt durch 
syn heiliges lyden, leben vnd sterben, dz do anfohet an dem tag der 
septuagesima. Also rfiffte sy vß vnd mante die swestren, ein geist¬ 
liche merfart zu thün (Bl. 20 v ), dz ist alte böse gewonheit vnd 
vnordenlich leben zu loßen vnd den vntugenden zu widerston». 

Die Schwestern von St. Margaretha schickten also, nach dem 
ersten Satze zu schliessen, die ct Meerfahrt» in Briefform an andere 
Klöster, insbesondere Ursula von Masmünster, eine Mutter, die diese 
Andachtsübung jederzeit weislich anzuordnen verstand. Wie nämlich 
nach diesem Satze des weiteren erzählungsweise eingeschoben wird, 
rief sie an Septuagesima jedes Jahres, um den Sündenfall der Stamm¬ 
eltern und das Geheimnis der Erlösung würdig zu begehen, die Schwe¬ 
stern zum Kampfe gegen die bösen Gewohnheiten auf. Manche Men¬ 
schen, heisst es da weiter, könnten ihrer Schwäche oder Verhärtung 
wegen nur gemeinsam mit andren Gleichgesinnten zusammen Fort¬ 
schritte im Guten machen. Das habe die vorgenannte weise Mutter 
gesehen und die jungen Schwestern aufgefordert, sich für diese Meer¬ 
fahrt « über dz wüten mere alter böser gewonheit» (Bl. 22) zu sam¬ 
meln, damit sie sich gegenseitig stärken und bei etwaigem Nachlassen 
oder Versagen einander helfen könnten. Die näheren äusseren und 
inneren Vorbereitungen und der Aufbruch zur Fahrt an Septuagesima 
nach der Vesper werden dann noch mit folgenden Worten geschildert 
(Bl. 22»): 

* Also in der nechstcn wochen vor der septuagesima, so ordenet 
sye vnd mante die swestren, dz sy iren frunden gar vernunffticlichen 
abseiten, dz sy die heilige züt nitt zu in kernen an dz redefenster: sy 
wolten sich die züt solliches trostes ver-(Bl. 23) ziehen. Ouch am frydag 
vnd samstag vor der septuagesima, dz sy sich mitt sunderer andocht 
schickten mitt bycht vnd dz heilige sacrament vff den suntag emp¬ 
fingen. Sy seit ouch inen, wie sy sich halten solten vnd vest vnd stett 
synn vnd nitt erschreckten, wen der anfang also swere ist. Dz thfit 
die vnubung vnd allte böse gewonheit. Do sy sych nän wol geriecht 
(Bl. 23z) von vßen mitt den frunden vnd von innen mitt der bycht, 
so musten sy alle bereit sin vff die fart zu vesper züt. So man das 


224 Florenz Landmann 

Allma Ieit (= beendet), so gingen sy alle in denkorvndopffert.cn sich, 
dem geerützigten Jhesu zu lob vnd zu eren, diße heilige ziit in dz 
schyfflyn des lydens Jhesu Christi, vnd so woren sy dann alle bilgerin 
vnd furten do hin: In gottes namen faren wir, — Sincr genoden be- 
geren wir, usw». 

" Es handelt sich also bei dieser Meerfahrt von Klosterfrauen um 
die Betrachtung des Leidens Christi in der Vorbereitungszeit auf 
Ostern mit dem praktischen Ziele, bis zu diesem Feste die verkehrten 
Gewohnheiten in gemeinsamer Arbeit abzulegen. 

2. Erst jetzt (Bl. 24) beginnt, dein obigen Eingangssatze im Brief¬ 
stil entsprechend, die eigentliche Anweisung zu der Andachtsübung 
in direkter Anrede: «Die ordenung vnd weg, do die bylger hin faren 
sollen, ist diß ». Einmal nennt die ehrwürdige Mutter ihre Mitschwe¬ 
stern dabei auch: «Myn lieben kinde». — Es wird hier folgendes 
angeordnet: Solange die Schwestern auf der Meerfahrt sind, sollen 
sie keine Chorzeit versäumen, ihre Aemter im Hause redlich führen, 
pünktlich an alle die Stätten kommen, wohin das Zeichen sie ruft, 
ferner gänzliches Schweigen halten bis zum Ostermittwoch, besonders 
aber Demut, Geduld, Liebe und Gehorsam unter einander üben. 
« Wolche diße ding übergont mitt verdochtem müt (d. h. mit bedach¬ 
tem Sinn), sollen betten v Pater noster vnd ein discyplin nemen mit 
v streichen, so man dz Allma (im Text: alleluia) hin leid». Das Wich¬ 
tigste aber bei allem dem ist die Versenkung in das Leiden Christi, 
das in den neun Wochen bis Ostern in folgenden Abschnitten betrach¬ 
tet werden soll (Bl. 25): 

«Dye erste woch sollen ir die vor genanten stuck halten zu eren 
dem innerlichen (Bl. 25 v ) lyden der edelen seien Jhesu Christi: dye 
ander wuch dem vßerlichen lyden, smerizen vnd pinliclien empfinden 
der monsclieit Christi; dye drytte woch allen dem mittlyden, dz der 
herr Jhesus hett mitt siner zarten muter vnd mitt allem monsch- 
lichen geschlecht; dye iiii. allen sinen zarten, heiligen wunden; dye v. 
woch sinent heiligen bl&tvergyeyßen; die vi. allen sinertzen, so (Bl.26) 
er am erütz leide; die vii. siner grundeloßen geloßenheit; dye acht 
siner großen liebe, in der er vns dz heilige sacrament 'gab; dye ix. dem 
byttren tod vnd sterben Christi». 

So könnten sie wohl in Sicherheit dahinfahren und bewahrt 
werden vor den Feinden und vor den bösen Winden und Wellen alter 
Gewohnheiten und Nachlässigkeiten, Wenn eines sich versehe in einem 


Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen 225 

Punkte, so sollten die andern es mahnen; wenn es aus Leichtsinn das 
Schweigen breche, solle es ein Pater noster beten. Wem es schwer 
werde, seine alte Gewohnheit zu lassen, solle zum Kreuze Christi 
fliehen und zu dem Gebete der Mitschwestern. « Vnd so die winde 
der widerwertikeit kumen vnd die wellen in dz schyff wollen schlagen, 
so sollen ir zu dem schyffman, dem heiligen geist schryen vnd räffen: 
Veni sancte! — Ryecht vff (Bl. 27 v ) den segel, — Die wind sint hie». 

Es werden dann für die Reise des näheren noch kurz folgende 
Ausdeutungen gegeben. Das Schiff, in dem die Schwestern fahren, 
ist ihr heiliger Orden und ihr Gelübde; der Mastbaum ist das Kreuz 
und Jesus an dem Kreuze; das Segel ist das Kleid, in dem der liebe 
Herr verspottet wurde; das Ruder führt der hl. Geist, der ist der 
Schiffmann; der Vater mit seiner Allmacht ist der Steuermann; die 
zwölf Apostel, auf jeder Seite sechs, « dz sint die die riemen ziehen»; 
der Meeresstern ist die reine Gottesmutter. Auch alle Engel und heili¬ 
gen Patriarchen und Propheten sollen sie in das Schiff einladen, « be- 
sunder her David mit sincr (Bl. 29) harffen vnd seiten spiel, dz du 
verlrybst alle betrupniß, die do fallen mocht in dem schyff, dz du 
fröhlich mögest über schyffen». 

Jeden Mittwoch findet eine Art gemeinsamer Gewissens¬ 
erforschung und schwesterlicher Zurechtweisung statt: «An der 
mittwoch soltu kumen zu den andren vnd ordenen, wo du furbz schyf¬ 
fen wollest vnd lugen, ob du vß dem schyff sygest gefallen, dz du 
wider darin werdest gezogen. Dyß sol geschehen on lüchtuertikeit». 
Jeden Morgen soll die Pilgerin zu Gott flehen, dass er ihr den Tag 
über glücklich vorwärts helfe und das Schiff keinen Schaden nehme; 
auch täglich — « so du es von vnmüß magst gethun» — fünf Pater 
noster zum Leiden Christi beten, je nach der Woche, wie es vorge¬ 
zeichnet ist, und zwar (Bl. 2C V ) «für dich, arme bilgerin, vnd die hei¬ 
lige crystenheit, für die armen sund.er vnd die armen seien». Und 
dann die frohe Ankunft! «Wen dz schyff begynnet dem staden 
nohen, den so singent frolich: Alleluia und Te Deum, Der österliche 
oben ist kumen! » 

Dieser Uehergang von der Betrachtung des Sterbens Christi zu 
der Betrachtung seiner Auferstehung wird folgenderweise vorgeführt: 

«Wen ir nun in der ix. wochen gefaren vnd (Bl. 30) gearbeitet 
hant zu eren dem tod vnd hertzbruch, dz zu nonen geschähe, do wart 
er zu complett geleitt in dz grab. So soltu gon vnd suchen dz heilige 

15 


220 


Florenz Lamlmann 


grab vnd do warten des fröhlichen ostcrtages mitt sancta Maria Mag¬ 
dalena vnd mitt den xii botten, dz dir Jhesus do erschyn mit siner 
genoden, also dz ir an der ostermittwoch fröhlich zusamen kumen 
vnd (Bl. 30 v ) essen mitt dem erstandenen Christo honigwaben vnd 
gebroten fysch. Darzu sollen ir laden die xii botten, die do vast (= fest) 
an dem riemen hant gezogen. Wolgemut vnd fröhlich sollen alle die 
syn die ir merfart mitt flyß volbracht hant vnd boßer gewonheit 
widerstanden hant». 

Es findet also am Ostermittwoch die Auflösung der Gesellschaft 
der Schwestern statt, die auf der Meerfahrt bis zum Ende ausgeharrt 
haben. Und hier wird nun mit einer gewissen Ironie über die Schwäche 
der anderen wie über die eigene Schwäche geschlossen: 

«Doch soltu erbermd (= erbarmen) han über die, die do wol 
hant angefangen vnd übel ge-(Bl. 31)endet. Schatt nitt, ob ir in spotten. 
Domitt kere aber yederman zu im selber vnd loß nitt ab von dem 
guten, dz ir die ix Wochen gesamelt hant. Wen alter schad ist bald 
ernuwertl Vnd frow (= freue) dich, ob du volharret byst in dem 
guten. Amen.» 

3. Was nun noch folgt, ist erläuternder Zusatz im Anschluss an 
•allerlei Pilgersitten der Zeit 1 . «Der bylger sol haben einen hält, 
einen mantel, einen stab, ein secklin mitt brott vnd ein flesch (Bl. 3U) 

■ mit win.» Diese Dinge werden mit Tugendübungen in Beziehung ge¬ 
setzt und mit der Verehrung des Leidens Christi: 

«Item für den hüt, flyß dich großer behutsammkeit in sehen, heren, 
reden, gon vnd ston und alles, dz dir din hertz entruwigen (= beunruhigen) 
mag. Für in din liertz den süßen Jhesum mit dem smertzen so vil tyeffcr 
wunden, die er in sinem göttlichen houbt enpfangen hett in siner heiligen kro- 
nung. Hett alle tag: Aue benignissime Jhcsu fünfzig mol. Item für den mantel 

■ (BI. 32) flyß dich großer gedult in aller widerwertikeit. Ob du ioch mitt 
vnrecht angclogen wurst, darzu swyg zu eren dem verspotten vnd spottlich 
kleiden vnd enploßen Christi. Sprich teglig v mol die Antiphon: Aue rex noster. 
Item für den stah flyß dich ganzter haltung dines ordens, so ferr dir muglich 
ist gehorsam hall), besonder in dem göttlichen dienst. Wo du dir selber ab- 
(Bl. 32 v )gost, nymm ein disciplin mit v streichen zu eren der gcischelung 
Christi. Für dz brot vnd win, flyß dich in der meß ein geistlichen Zugang. 
Bitt Jhesus, dz er dir din secklin bereit mit der spyse, die er selber ist, und din 
sele spyse mitt siner liebe, trenck mit siner genoden, die dich storck, din fart 

zu vollbringen, dz du nitt eriygest vff dem weg». 

> Geiler von Kaysersbcrg ist in seinen Predigten in ähnlicher Weise auf den Pilger und 
seine Eigenschaften oft surückgekommen. Siehe L. Pfleger, Zur handschriftlichen Ueber- 
Uefernng Geilcischer Predigttexte, in: ArchfElsKg 6(1931) oben S. 197. 


227 


Zwei Andachtsübungen von Strassburger Klosterfrauen 

In ähnlicher Weise wird dargelegt, wie der Pilger bei jeder Meile, 
die er zurücklegt, beten, wie er bei jedem Schritte, den er tut, an die 
Wege Christi und seiner Mutter denken soll. Das harte Lager des 
Pilgers erinnert die Schwester, genau zu sein bei der Mette und « alle 
nacht einen sundren kere zu dem lyden Christi» (Bl. 33 v ) zu tun; 
der Mangel an guter Speise ermahnt sie, sich abzubrechen « etwz dz 
dir lustiich ist vnd nitt notturfftig ist». Wie sie die Ruhestatt in Christi 
Wunden und insbesondere in seinem Herzen aufschlagen soll, ist in 
folgender We ! se ausgeführt.: 

« Für die ruwestatt, so die bylger gewonlicli suchen, soltu (Bl. 34) teglich 
din Zuflucht haben zu demherren an dem erütz Vnd dich in sin wunden sencken. 
Betracht sin hohe andoclit, inbringstige liebe, voikumene gehorsam, dyeffe 
demutikeit vnd große gedult in versmecht vnd Verspottung siner fygent, do- 
gegen die große gutikeit sines milten hertzen gegen in vnd vns, sin heyßen 
trehen, tüffen sufftzen, sin andechtiges gebett vnd (Bl. 34 v ) großen smertzen, 
engstliche pünigung von innen. Hie nymm din statt vnd nüß (= geniesse) die 
süße frucht dyß boums noch begirde dines hertzen; hie such die lebendigen 
brunnen, by den du dinen durst erloschen machst, dz göttliche hertz Jhesu, 
die iiii lebendigen kener (= Kanäle) siner heiligen hende vnd füß, die alle züt 
tropffen den balsam göttliches trostes. Bett die grüßiin S. Bernhardi* 1 . 

Wie der Pilger schon unterwegs die Kirchen besucht, Ablass holt, 
Messen anhört und Opfergaben bringt, so soll die Schwester täglich 
in den sieben Hauptkirchen Ablass holen und den Vigilien fleissig 
beiwohnen für die armen Seelen. Um auf der Reise sicher zu sein, 
soll sie jeden Abend demütig anklopfen und Herberge begehren und 
«morgens (Bl. 35 v ) etwz gebettes do loßen zu dankbarkeit». Wenn 
sie endlich ins hl. Land gekommen, «zu dem heiligen grab, darin 
vnser aller groster hertzen trost lyt, Jhesus», dann soll sie auch ihr 
Opfer bereit halten und mit Demut ihm darbringen, darauf einen oder 
zwei Tage dort bleiben, endlich Urlaub nehmen und seinen väterlichen 
Segen erbitten, der ihr nicht versagt wird. Es folgt zum Schluss die 
Mahnung für die Heimkehr (Bl. 36): «In dem widerkere halt dich 
in solcher moß, also du vß byst gangen; den hoff ich, du hest die 
walfart wol vollbracht». 

4. Die geistliche Meerfahrt ist eine schöne Andachtsübung für 
Klosterfrauen, das Leiden Christi jedes Jahr neu auszumünzen für 
ihren gemeinsamen Fortschritt in der Selbstüberwindung und in der 
Gottesliebe. Es ist bekannt, wie der Dominikaner Felix Fabri aus 
Ulm in den Jahren 1480 und 1483 zweimal die Reise nach dem heiligen 

1 Es ist damit das oben S. 217 Anm. 3 genannte Stücklein aus Hs. 560, Bl. SS V , gemeint. 


228 


Florenz Landmann 


Lande machte und sie in einer eigenen Schrift ausführlich beschrieben 
hat 1 . Er hat 1494 auch eine « Sionspilgerin» verfasst 2 , deren Zweck 
der Titel näher angibt: «Wie ain gaistliche junckfrow oder ain anderi 
gaistliche person soll uß irem closter oder uß ir samnung, cluß oder 
huß in bilgers wiß gan gen Jherusalem zue den hailigen stetten, aun 
ußschwaifung durch die weit, mit gaistlicher, tugetsamer, stiller 
yebung». Unsere «Meerfahrt» geht dieser Schrift voraus und hat 
einen ähnlichen Zweck, so dass der Gedanke nahcliegt, die « Sions¬ 
pilgerin» sei durch sie angeregt worden. 

In Ion und Haltung, in dem Aufbau, den Betrachtungen und 
Gebeten gleicht die « geistliche Meerfahrt» ganz der ersten Andachts¬ 
übung zu Jesus in der Wüste, so dass wir auch für diese das Kloster 
Unterlinden als Ursprungsort annehmen dürfen. Man beachte be¬ 
sonders die Stelle, an der in der Meerfahrt von den Wanderungen 
Jesu aus Liebe zu uns die Rede ist (Bl. 33): 

«Betracht in danckbarkeit alle die arbeitsamen fußlritt, so 
Jhesus in hytziger begirde vnd liebe ye gethon hett, zu suchen dz 
verloren schefflin (= Schäflein), do er ist gangen barfuß durch wint, 
sehne vnd regen, von stetten zu dorffren vnd castcllen, so dick ver- 
mudiget, aber nyc vertroßen. Der eilenden fußtrytt in (B1.33v) sinein 
lyden sint gesin vi m i c vnd xiiii» (=6114). 

Mir haben hier dieselbe Vorstellung von dem natürlichen Schau¬ 
platze des Lebens Jesu wie dort und dieselbe Lust, mit genauen 
Zahlenangaben aufzuwarten. Dass der Heiland und sein bitteres 
Leiden und Sterben im Mittelpunkte des Denkens und Fühlens dieser 
Ordensfrauen stand, geht aus beiden Andachtsübungen deutlich 
hervor. Die drei geistlichen Lieder, ein Wallfahrtslied 3 , ein Heilig- 
Geistlied und ein Osterlied 4 , auf die angespielt wird, werden dem 
Kenner nicht entgangen sein. 


1 Vgl. Fratris Felicia Fabri Evagatorium in Terra Sancta, Aiabi® et Eeypti Perecrina- 
tioriem lirsg von C. D. Hassler, 3 Bde [Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart 
2.-4. Brl.J, Stuttgart 1843.1849. b ’ 

* S , ie ist in eincm Bande in-120, 409 Bll., der Ulracr Stadtbibliothek, Cod. 0727 d- I F 
30 erhalten. Vgl. M. Häusler, Felix Fabri aus Ulm und seine Stellung zum geistigen Leben 
seiner Zeit [Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance hrsg von 
W. Gcetz, 15. Bd.J, Leipzig 1914, S. vi. 

* * 1)33 Licd <' In ?, ottra namen faren wir» steht bei Phil. Wackemagel. Das deutsche 

Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, 2. Bd. Leipzig 
1867. 615-517 ^«78-683 und bei Wilh. Baumker, Das katholische Kirchenlied in seinen 
Singweisen, i.Bd. Freiburg 1. Br. 1886, 572-578 n. 295-296 

* Diese beiden Lieder, «Veni Creator, Ryecht uff den scgel, die wind sinthic» und 
«Der österliche oben is kurnen», finden sich weder bei Wackernagel noch bei Bäumker. 


Geilers Seelenparadies im Verhältnis zur Vorlage 

Von Adolf Vonlanthen 

1 

Die ältere Geilerforschung bemühte sich in erster Linie um die 
religionsgeschichtliche Stellung Geilers 1 . Leben und Werk des grossen 
Strassburger Predigers wurden dementsprechend ausgelegt und ten¬ 
denziös ausgebeutet. Schuld an dieser frühen polemischen Stellung- 
1 nähme war nicht zuletzt der Umstand, dass seine Schriften schon 

1559 auf den Index der von der Kirche verbotenen Bücher gekommen 
waren. Folgerichtig trug ihn 1562 Flacius Illyricus in seinen Cata- 
^ logus testium veritatis evangelicse ein 2 . Damit war das Gcilerproblem 

gestellt und eine einseitige, anscheinend auch für die Folgezeit gül¬ 
tige Lösung gegeben. 

Die Forscher des 19. Jahrhunderts griffen sie wieder auf und 
suchten im alten Geleise weiter. Abgesehen von dom unparteilichen 
Werke Ammons 3 vertraten nacheinander Röhrich 4 und in kleineren 
Lebensbeschreibungen Edel, Fuchs, Schäfer und Rathgeber 6 die zum 
Dogma erhobene Auffassung. Als «katholischen Reformator» hin¬ 
gegen sprachen den «Vorläufer» Luthers Kerker 6 und Dacheiix 7 an. 
Sie drangen nicht durch. Selbst dem 1876 erschienenen grundlegen¬ 
den Werk Dacheux’ gelang es nicht 8 , « der protestantischen Legende 
ein Ende» zu machen, wie zwei neuere Tendenz schrif Lehen beweisen 9 . 

1 Yßl* hierzu die vortreffliche zusammenfassende Arbeit von Jos. Clauss, Kritische 
Uebersicht der Schriften über Geiler von Kaysersberg, in: Historisches Jahrbuch der Görres- 
gesellschaft 31(1910)485-519. 8 Siehe Clauss aaO 490. * Geilers Leben, Lehren 

und Predigten, Erlangen 1826. * Geschichte der Reformation im Eisass, Strassburg 1830 

Siehe Clauss aaO. 8 Anonym in Historisch-politische Blätter 48(1861) 149(1862) 

Revue catholique d’Alsace 5(1863); 6(1864). 

# Rtformateur catholique 4 la fin du 15« si£cle, Jean Geiler de Kaysersberg, Paris- 
> Strassburg 1876; vgl. dazu die deutsche Bearbeitung von W. Lindemann, Johannes Geiler von 

Kaisersberg, ein katholischer Reformator am Ende des 15. Jahrhunderts, Freiburg imBr. 1877. 

9 Paul Freund, Geiler von Kaysersberg [Evangelische Lebensbilder aus dem Eisass], 
Strassburg 1902. A. Lauffer. Geiler von Kaysersberg und das Deutschtum im Eisass, in: Ar¬ 
chiv für Kulturgeschichte 17(1927)38 ff.